Wien 21, schmucklose Nebenstraße, unansehnliches Einfamilienhaus,
Sitz der „Agentur Birkenstock”.
Vor dem Haus zwei
dunkle Dienst-Audis (Gewerkschaft/Arbeiterkammer).
Gespannte Ruhe im Wohnzimmer, die halbdurchlässigen Vorhänge sind zu gezogen, der etwas ältere Diaprojektor wirft Sujets an die weiße Wand.
Auftraggeber der Kampagne ist – aus Tarnungsgründen – der Verein „die bessere Hälfte“, dessen Statuten „die massive Unterstützung des Prinzips Frühpensionierung als Grundlage einer besseren Lebensqualität in der zweiten Lebenshälfte“ vorsehen.
Agenturinhaber Erwin Birkenstock erläutert das Grundsujet der Kampagne – einen rüstigen, rosagesichtigen Anfangsfünfziger praktisch ohne ein weißes Haar, auf dessen Schoß ein ca. 5-jähriges, entzückendes, blondes Mädchen sitzt, das nach dem Kinn des Mannes greift.
Slogan: „Mein Opa gehört mir!“ Untertitel: „Schluss mit den Angriffen auf unsere Frühpensionisten!“
Gewerkschaftsvertreter (Name der Redaktion bekannt): „Erwin, des is supa! Des bringt des Thema owa blitzschnöi auf’n Punkt! Besser kunnt mas ned sogn!“
Arbeiterkammervertreterin (Name der Redaktion bekannt): „Vui klass! Des setzt total geil unsare Gschicht mit der Abtreibung fuat. Samma uns ehrlich, des wos die Schwoizn jetzt tan is nix onders ois a Kreizzug gegen die Leit, denen die Oibat einfach z’vü wiad.“
Erwin Birkenstock: „Donkschee, Kollegen. Des haast oiso, doss mia mit unserm Claim ins Schwoize troffn hom?“
Arbeiterkämmerin und Gewerkschafter unisono: „Des is ned nur guad, des is a Jackpot, Erwin!“
Agenturchef Birkenstock schießt, ermuntert durch das rasche Lob, im Stakkato eine Serie von Plakatmotiven nach, die sich gewaschen hat.
Auf der linken Seite des Sujets sieht man jeweils: ein von Moos bewachsenes Schwimmbad, eine baufällige Alpinhütte, ein verrostetes Flugzeug.
Auf der rechten Seite des Sujets daneben: ein mit fröhlich lachenden braungebrannten Endvierzigern/Anfangsfünfzigern gefülltes Schwimmbad, eine frisch renovierte Alpinhütte, vor der gut gelaunte Endvierziger/Anfangsfünfziger ihren Jausenspeck aufschneiden, ein Flugzeug modernsten Typs, über dessen Gangway strahlende Endvierziger/Anfangsfünziger einsteigen.
Der Slogan auf allen drei Plakaten: „Die bessere Hälfte gehört mir!“
Untertitel: „Frühpensionisten als Motor für Wirtschaft und Wohlstand!“
Die Arbeiterkammerfrau: „Des is total subtil! Mit dia Bülda treff ma die Schwoazn vui eini!
Gewerkschafter: „Eh kloa. Domit erwisch’ ma’s mit di eigenen Argumente. Do leg man mit unsan Pressedienst noch a Schäuferl noch, was’d eh… Statistik und so, wirtschaftliche Wertschöpfung durch Frühpensionisten!“
Vertreterin der Arbeiterkammer: „A runde Gschicht, Erwin, gratuliere!“
Gewerkschafter: „Gehst mid zum Heirigen, Erwin, des g’hert g’feiat!“
Erwin Birkenstock: „Sorry, schaut heit total schlecht aus. I hob an wichtigen Termin!“
Arbeiterkämmerin: „Des is woi a Scherz, Erwin. Wos kenndad wichtiger sein ois dass mia dir grod den Auftrag geben?“
Erwin Birkenstock: „I hob die letzte Besprechung bei der PVA. Wegn meiner Hacklerpension.“
Erstaunen. Schließlich aber befreites Gelächter und Schulterklopfen für Erwin Birkenstock.
„Host eh recht, Erwin. Nutz die G’legenheit no!“
Die beiden Dienstlimousinen schnurren leise zurück in die Zentralen.
Schwarzenbergplatz, Sitzungssaal der Industriellenvereinigung.
Die halbe ÖVP-Spitze, führende Repräsentanten der Wirtschaftskammer und
die Sekretäre von zwanzig in Österreich ansässigen Milliardären lauschen
atemlos der Multi-Media-Präsentation der amerikanisch-französisch-
deutsch-finnischen Lobbying-Agentur „Clearwater”:
Unterlegt von drastischer Wagner-Musik saust aus den Tiefen des Weltalls mit
rasender Geschwindigkeit der Mond auf die Zuschauer zu.
Sie sonore Stimme des J.R.Ewing-Syn- chronsprechers: „An dieses Bild werden Sie sich erst gewöhnen müssen! Das ist Österreich nach Einführung der Reichensteuer!“
Hinter dem Mond heraus saust in rot-blauem Gewand blond und blauäugig Supergirl, das mit seinem roten Fingernagel direkt auf die Zuschauer zeigt:
„Überleg Dir’s, ob Du mitmachst bei der Vertreibung der Reichen!“
Bombastischer Schlussakkord.
Der Saal tobt. Einige Gremialvertreter der Wirtschaftskammer sind so begeistert, dass sie ihre Toupets in die Luft werfen. Die Sekretäre der Milliardäre hatten die Präsentation an ihre Chefs per Laptop live übertragen und hören nun in ihre Handys hinein.
15 der Sekretäre reißen spontan ihre Daumen in die Höhe.
Der Präsident der Wirtschaftskammer grinst noch breiter als sonst (für einen eventuellen Notfall steht ein Kieferchirurg bereit).
Leitl: „Ich glaube, ganz im Sinne aller hier Anwesenden zu sprechen, wenn ich sage:
Wir sind hier Zeuge einer historischen Stunde. Dieses große Werk ist es wert, von all unseren vielen kleinen Mitgliedsbetrieben unterstützt zu werden, die zwar nicht reich sind, aber bescheiden. Und gerade diese vornehme Bescheidenheit verbindet unsere kleinen Schuster, Bäcker oder Website-Gestalter mit den noblen, immer bescheiden im Hintergrund bleibenden Milliardären und Millionären unseres Landes.“
Lichtausfall im Saal. Unruhiges Gemurmel. Einzelne Feuerzeuge werden entflammt.
Auf der Leinwand startet die Signation von „Tatort“. Dann, in körnigem, reduzierten Schwarz-Weiss: die Finanzministerin.
Langsam hebt sie den Lauf eines Revolvers vor ihren Mund, bläst kurz hinein und sagt:
„Reichensteuer? Nur über meine Leiche!“
Unfassbare Begeisterung im Saal
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