Homeoffice: Eine Polemik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Mode

Die Designer von Schmuddelware jubeln. Jetzt kommt ihre ganz große Zeit. Neben den klassischen Besuchern von Einkaufszentren werden sie in den nächsten Jahren neue Schichten erreichen. Auch mittlere Angestellte, Rechtsanwälte und Vertreter wechseln vom Business-Sakko in die Trainingsjacke. „Leisure Wear“ erobert endgültig den Markt, auch im Schuhbereich. Am Lammfell auf dem Boden daheim steht sich’s gemütlicher als in der Wollsocke als im Budapester.

 

2. KulinarikSCH

Die Lieferdienste jubeln. Das Ende des selbstgebastelten Essens naht. Wer den ganzen Tag in seiner Wohnung sitzt kann sich’s nicht mehr leisten, am eigenen Herd in eigenen Töpfen herumzurühren. Einerseits hat der Arbeitgeber Kameras installiert und kann den Homeoffcer kündigen, wenn er selbst kocht, andererseits möchte ja kaum jemand in einer Wohnung arbeiten, in der bis am Abend die Schwaden des Mittagessens hängen. Da tipselt man lieber seine Sushi-Bestellung ins Handy. Apropos Geruch: Mittlerweile stinken auch die Liefer-Officers nicht mehr, weil sie per Elektro-Bike unterwegs sind.

 

3. Arbeitszeit

Die Unternehmer jubeln. Schluss mit Kaffeeplausch bei der Stockwerks-Espresso-Maschine. Schluss mit Herumwandern im Bürogebäude, angeblich, um mit einem anderen Mitarbeiter ein wichtiges Thema zu besprechen… Der Homeofficer ist ortsfest wie ein festgeschraubter Computer. Da er digital arbeitet lässt er sich wunderbar digital überwachen. Ein Überwachungs-Algorithmus kontrolliert jede Bewegung am Laptop. Jedes Abweichen vom eng gefassten Arbeitsthema wird erkannt und führt zu Lohnabzug, schlimmstenfalls zur Kündigung. Der Chef hört nie wieder: „Sie/er ist gerade nicht im Zimmer“ (auch das Klo gehört zum Homeoffice).

 

4. Kommunikation

Die Psychologen jubeln. Die im Homeoffice entstehenden Wesen entwickeln sich zum Therapie-Heer der Zukunft. Die lückenlose Kontrolle des Homeofficers durch Kameras und Computeralgorithmen kombiniert mit der Abwesenheit physischer (Kollegen) Kontakte führt im ersten Schritt zur Vereinsamung, anschließend zu Angstzuständen und Psychosen. Früher oder später greifen die Homeofficer zu Red-Bull-Dosen, aus denen der Wodka in die einsame Kehle fließt.

 

5. Familie

Die Familienrechtsanwälte jubeln. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bewegen sich die Homeoffice-Familien nach einer ersten Euphorie-Phase („Super, Papa ist jetzt jeden Tag zum Combat-Video-Spielen daheim!“) in Richtung Gleichgültigkeit und anschließendem Bilanzziehen: „Na, super. So weit hast Du’s also gebracht, dass wir alle miteinander den ganzen Tag zu Hause sitzen und deinem Computertipseln zuschauen dürfen.“ In der ersten Stufe der Beratung werden die Anwälte Mediati- onen anbieten. Bei guter Moderation können die Streitparteien fließend zu einer hässlichen Scheidung weiterbegleitet werden.