Die Disneyisierung der Alpen schreitet voran...

Leserbrief mitten in Lockdown zwei. Es geht um einen beliebten Salzburger Ausflugsberg. Eine freiwillige Müllsammlerin berichtet: „Ein 20-Liter-Sackerl haben wir gefüllt, eine gute und traurige Ausbeute zugleich. Der Kommentar einer Passantin macht mich stutzig: ‚Oh, wie schön, Sie sind heut schon die Dritten, die einen Müllsack runterbringen.‘“

 

Dr. Claudia Wolf, seit ein paar Monaten 1. Vorsitzende des Alpenvereins Salzburg, kennt dieses Thema nicht erst seit der Corona-Krise: „Je enger es in den städtischen Ballungsräumen wird und je stärker die Temperaturen steigen, umso deutlicher nehmen die Besucherzahlen auf den Bergen zu. Dass daraus jede Menge Konfikte entstehen, sehen wir in verschiedenen Bereichen – vom Mountainbiken bis zum Schitourengehen auf Pisten.“

 

Erlebnis Berg, Dissertation Alpenkonvention

 

Claudia Wolf zieht es seit ihrer Kindheit in die Berge. Rund um den Geburtsort Mittersill lassen sich naturgemäß viele lohnende Ziele finden. Die Begeisterung des Erlebnisses Berg schwappt später ins Akademische. Für ihre Dissertation wählt sie die Alpenkonvention aus dem Jahr 1991, mit der sich mittlerweile neun Staaten zum „nachhaltigen Schutz der Alpen“ verpflichten. Rund 20 Jahre nach ihrer Doktorarbeit sieht die neue Alpenvereins-Vorsitzende ihre geliebte Bergwelt gleich aus mehreren Richtungen in Gefahr. Ganz vorne steht der Klimawandel. Das Abschmelzen der Gletscher habe bereits jetzt schon spürbare Auswirkungen auf die Wasservorräte: „Schnee, Seen und Wasserspeicher werden immer weniger. Hier bahnt sich ein ‚Kampf um das neue Gold‘ an!“

Daneben sei der Klimawandel dafür verantwortlich, dass in immer kürzeren Abständen extreme Wettersituationen entstünden. Diese führten zu Murenabgängen und zur Lockerung von Gesteinsformationen speziell bei uns in den Kalkalpen. Ergebnis: immer öfter Steinschläge, die auch deshalb jährlich mehr Opfer fordern, weil die Menge der Alpenbesucher kontinuierlich steigt.

 

Ausbeutung hat viele Formen

 

Die Gewinnmaximierung habe längst Einzug auch in die Bergwelt gehalten, kritisiert Claudia Wolf: „Ganze Landschaften werden nicht mehr kultiviert, weil es sich die Bauern einfach nicht mehr leisten können. Früher gab es eine nachhaltige Bewirtschaftung, heute gibt es Schutzbauten.“ Sehr lohnenden Kapitaleinsatz versprechen hingegen weiträumige Schischaukelprojekte mit oft gravierenden Eingriffen in die Fauna und Flora. Auch für die rasante Zunahme so genannter „Chalet-Dörfer“ macht Wolf kurzsichtiges Gewinnstreben verantwortlich. „Die Disneyisierung der Alpen schreitet voran“, meint sie sarkastisch. Es sei höchste Zeit, ein breites Bewusstsein für den Schutz der Natur zu entwickeln: „Alpenschutz ist die Voraussetzung, dass wir in Zukunft überhaupt noch wandern können.“ Gleichzeitig sei es wichtig, speziell den neuen Gruppen der Bergfreunde klar zu machen, dass das Wandern in den Bergen nicht eine bloße Idylle und immer mehr die Erholung der Zukunft sein werde, sondern dass hier mit Gefahren zu rechnen sei. Und als Juristin fügt sie hinzu: „Natur schützen verlangt entsprechende Gesetze.“

 

 

 

 

 

 

 

 

CLAUDIA WOLF Dr.iur., 1. Vorsitzende des Alpenvereines Salzburg, geboren in Mittersill, seit Kindheit Mitglied des Alpenvereines. Studium der Rechtswissenschaften, Dissertation über den völkerrechtlichen Vertrag der „Alpenkonvention“. Berufskarriere im Bankensektor, bei PWC und der Wirtschaftskammer (Finanz- und Steuerrecht), aktuell Unternehmensjuristin in der Finanzbranche