Die Stimme der Frau in der Anwaltschaft

„Die UBER-Anwältin“

Dr. Alix Frank-Thomasser, Gründerin der Alix Frank Rechtsanwälte GmbH in Wien, spezialisiert auf M&A, Gesellschaftsrecht, Restrukturierungen, Europäisches Vertragsrecht etc. diverse Funktionen in der Standesvertretung national und international. Gründerin und Obfrau des Vereins „Women in Law“

Kürzlich erhielt ich über LinkedIn folgende Anfrage von einem internationalen auf Jurist*in- nen ausgerichteten Personalvermittlungsunternehmen aus Illinois, USA: Eine im Silicon Valley domizilierte Rechtsanwaltskanzlei sucht Anwält*innen aus Österreich oder Zentraleuropa, die auf Partnerebene arbeiten, wobei jegliches Fachgebiet im Recht interessant sei. Geboten werde ein Anteil von 70 % des Honorarvolumens, das die US Law firm mit den von mir zugeführten Klient*innen umsetzen wird. Die US Law frm bestehe ausschließlich aus Rechtsanwält*innen, die ehemals weltweit in Rechts- anwaltskanzleien auf Partnerebene tätig waren. Großer Vorteil sei: Ich könne von zu Hause arbeiten oder auch von jedem Ort der Welt und habe außer meiner fachlichen Arbeit keinen anderen Zeiteinsatz, wie beispielsweise für Administration oder Marketing meiner Rechtsanwaltskanzlei, aufzuwenden.

 

Kann so ein Modell gerade der Frau in der Anwaltschaft helfen, Beruf und Privatleben gewinnbringend zu vereinen, vielleicht auch gerade post Corona und deren Nachwirkungen?

 

Dazu möchte ich einige Gedanken im Zusammenhang mit dem in diesem Jahr erschienenen wissenschaftlichen Artikel „Towards the Uberisation of Legal Practice“ von Margaret Thornton (Emerita Professor of Law, ANU College of Law, The Aus- tralian National University, Canberra) diskutieren, der auch ganz speziell den Blick auf Frauen richtet. Ihrem Artikel gingen eine Reihe von Interviews mit Anwältinnen in Australien, als auch in UK voraus. Unter dem Begriff NewLaw (Eric Chin 2013) versteht der Rechtsmarkt ein neues Geschäftsmodell, das sich mit sogenannter labour arbitrage beschäftigt, also Vorteile von Preisunterschieden aus zwei oder mehreren Märkten entsprechend wirtschaftlich erfolgreich für Dienstleistungen von Rechtsanwält*innen zu nützen. Angebote wie jenes, das ich eingangs zitiert habe, sind ein besonders gutes Beispiel für NewLaw. Neben dem Umstand, dass das Geschäftsmodell von NewLaw also offenbar das Beste am Rechtsmarkt zusammenbringt, nämlich die langjährige Partnererfahrung mit perfekt organisiertem Back-Office inklusive Vermarktung der anwaltlichen Dienstleistung, bekommt dieses Geschäftsmodell durch Legal Tech einen besonderen Auftrieb. Allem voran steht natürlich das komplett papierlose Arbeiten. Klient*innen aus aller Welt werden mit klugen Formularen bedient, wobei die alltägliche Arbeit AI übernimmt und Spezialfälle die als Freelancer eingesetzte Rechtsanwältin auf Partnerebene. Dieses Geschäftsmodell lebt also von der Maximierung des Gewinnes der Teilnehmmer*innen: Je mehr Klientel die Anwältin mit- bringt und damit Umsätze für die NewLaw Firm, desto größer ihr Anteil am Umsatz.

 

So weit so gut! Aber ist dieses Geschäftsmodell langfristig für die Anwältin optimal? Sie braucht zwar keine Zeit für Marketing aufwenden, verliert aber in diesem business model jegliche Identität und mutiert zur Legehenne anwaltlicher Dienst- leistungen. Aber auch die sozialen Aspekte von NewLaw sind fragwürdig: Ich kann zwar arbeiten, wann, wo und wieviel ich will, aber was passiert, wenn ich krank bin oder aus anderen Gründen nicht arbeiten kann? Es fehlt dann augenscheinlich an der sonst üblichen Solidarität in einer echten Anwaltspartnerschaft. Bei NewLaw verliert die Anwältin den Kontakt zum client account: wer dort client ist, zählt auf die gute, rasch und preisgünstig zur Verfügung gestellte Leistung aber nicht auf persönliche Ansprache. Bei genauerer Betrachtung und nach vielen Interviews am Rechtsmarkt in Australien und UK musste Margaret Thornton feststellen, dass Frauen im Rahmen der Uberisation of Legal Practice nicht unbedingt die großen Gewinnerinnen sind, schon gar nicht junge Frauen, die am Beginn ihrer Anwaltskarriere stehen. Denn sie haben meistens nicht den großen client account und schon gar nicht die langjährige Beratungserfahrung zu bieten, die sich NewLaw Firms erwarten. Auch die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie scheint nur auf den ersten Blick gegeben zu sein: Letztlich baut das Geschäftsmodell von NewLaw auf vielen und hochqualifzierten Partnerstunden auf.

 

"Sie mutiert zur Legehenne anwaltlicher Dienstleistungen"

 

Es wird also nur die gewinnen, die 7 by 7 gut und gerne 60 % eines Tages qualitativ arbeiten kann. Viele der von Margaret Thornton interviewten Rechtsanwältinnen sagen folgendes: „Als Rechtsanwältin kannst du dich entscheiden, entweder für eine virtuelle Anwaltskanzlei zu arbeiten, die dir das sogenannte Back Office zur Verfügung stellt und du lebst dann von einer prozentualen Beteiligung am Umsatz oder du arbeitest für eine „echte“ Anwaltskanzlei, dann allerdings verbunden mit dem gesamten Aufwand für Organisation und Marketing, allerdings mit der Aussicht, dort einmal Partnerin bzw. Gesellschafterin zu werden. Wenn du als Einzelkämpferin arbeiten willst, trägst du allein die Verantwortung für alles, was du beruflich zu beachten hast und das ist beim besten Willen umfangreich.“

 

Wir stellen uns bei Women in Law – Frauen im Recht www.womeninlaw.info auch allen Fragen rund um die UBER Anwältin, vor allen Dingen auch im Lichte der Corona Krise und deren Nachwirkungen im Rahmen unserer zweiten Internationalen

Konferenz vom 9. bis 11. November 2021.