Nur mehr knapp die Hälfte Zustimmung zu Lockdown zwei …

Wolfgang Aschauer Assoziierter Professor,  PD, MMag. Dr. , 2011-2015 Assistenzprofessor seit 2016 Assoziierter Professor im Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie, Abteilung Soziologie und Kulturwissenschaft der Universität Salzburg. Schwerpunktthemen: Soziale Integrationsforschung, quantitative Methoden/ ländervergleichende Sozialforschung und Tourismusforschung.

 

SOZIOLOGIE. Während beispielsweise in Deutschland wesentliche Corona-Entscheidungen der Politik von Meinungsumfragen gestützt sind, agieren die Verantwortlichen in Österreich nicht unbedingt im Sinne der Mehrheitshaltungen in der Bevölkerung. Ein Gespräch mit dem Soziologen Wolfgang Aschauer.

 

Interview: Dietmar Dworschak

 

ANWALT AKTUELL: Herr Professor Aschauer, am Anfang der Pandemie hat der französische Präsident Macron von „Krieg“ gesprochen. Inwieweit überfordert diese Krise die Gesellschaft, speziell in Österreich?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Ich denke, dass die Kriegsmetapher zu weit gegriffen ist, auch wenn sich im Zuge der Pandemie und im teils aussichtslos erscheinenden „Kampf“ gegen das Virus auch österreichische PolitikerInnen bereits der Kriegsrhetorik bedient hatten. Wir haben es aber wohl tatsächlich mit der größten gesundheitlichen, ökonomischen und auch sozialen Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg zu tun. Zudem ist das Virus unsichtbar und schwer kontrollierbar, weshalb die gesundheitliche Bedrohungslage für viele sehr diffus bleibt, wenn auch sehr real in ihren wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen. Man kann also durchaus sagen, dass uns das Virus als Gesellschaft vollständig in den Bann zieht und auch nach Bewältigung der Pandemie noch viele Folgen latent nachwirken werden. Dies können auch positive Wandlungsprozesse sein wie ein in manchen Sektoren notwendiger Digitalisierungsschub, Tendenzen hin zu mehr Nachhaltigkeit und Regionalismus. Die weitere gesellschaftliche Entwicklung kann jedoch auch Schattenseiten mit sich bringen, denn die Nationalstaaten werden vielfach als GewinnerInnen der Krise hervorgehen. Wie es künftig um unsere individuellen Freiheiten, den europäischen Zusammenhalt und um globale Fragen der Solidarität bestellt ist, wird sich zeigen.

 

ANWALT AKTUELL: Gibt es soziologische Daten, wie die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit auf die staatlichen Corona-Maßnahmen reagiert? Sieht man hier einen Unterschied zwischen Lockdown eins und zwei?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Tatsächlich gibt es auch in Österreich zahlreiche gute sozialwissenschaftliche Daten zur Corona-Krise. Ein Vorzeigeprojekt ist sicherlich das Austrian Corona Panel Projekt der Universität Wien (https://viecer. univie.ac.at/coronapanel/), wo unter Beteiligung mehrerer ForscherInnen die Sichtweise der Bevölkerung im Zuge eines Online-Panels anfangs wöchentlich und nun monatlich erhoben wird. Da die Studie annähernd repräsentativ ist und stets weitgehend die gleichen Personen an der Studie teilnehmen, haben wir hier eine sehr gute Datenbasis über das Stimmungsbild in Österreich über die gesamte Krisenzeit. Aus der Fülle der Ergebnisse lässt sich herauslesen, dass die Bevölkerung in der Phase des ersten Lockdowns tatsächlich ziemlich geschlossen hinter den Maßnahmen der Regierung stand und der Regierung auch großes Vertrauen entgegengebracht wurde. Bis über den Sommer hinaus wurde das Krisenmanagement der Regierung überwiegend positiv beurteilt, die Maßnahmen wurden als angemessen und effektiv betrachtet. Seit September hat sich das Stimmungsbild in der Bevölkerung aber deutlich geändert. Nur mehr knapp die Hälfte sah die Maßnahmen am Beginn des zweiten Lockdowns im November als angemessen an und nur mehr ein Drittel als effektiv. Zudem sind wir jeweils mit knapp einem Viertel konfrontiert, das für schärfere Maßnahmen plädiert und große Angst vor der Erkrankung hat, während ein weiteres Viertel die Maßnahmen als zu drastisch interpretiert und primär gravierende wirtschaftliche Folgen im Fokus hat. Es gibt also aktuell defnitiv größere Unstimmigkeiten und Widerstände in der Bevölkerung als im Frühjahr und es wäre für die gesellschaftliche Stabilität äußerst wichtig, dass wir in Österreich das Virus bald wieder in den Griff bekommen und die möglicherweise einsetzende Impfung im Frühjahr die Lage entspannt.

 

ANWALT AKTUELL: Wie hat die Gesellschaft darauf reagiert, dass die politischen Entscheidungen der Corona-Krise nach der Devise „Wir schützen die gefährdeten Alten, auch wenn das der Wirtschaft schadet“ gesetzt wurden?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Insgesamt ist es sicherlich eine Herkulesaufgabe die potentiell verheerenden Wirkungen im Gesundheitsbereich gegen wirtschaftliche Kollateralschäden und gegen Einschränkungen von Freiheitsrechten entspre- chend auszubalancieren. Anfangs waren die schockierenden Ereignisse in Italien bzw. in Europa derart prägend, dass der Wert der Gesundheit über allem anderen stand. Mittlerweile ist das Stimmungsbild differenzierter, wobei wir dank des etablierten Wohlfahrtsstaats in Österreich und durch budgetäre Kraftakte die ökonomischen Krisenfolgen noch immer entsprechend abfedern können. Man braucht nur nach Großbritannien, in die USA oder auch nach Südeuropa blicken, wo weder die ansässigen Gesundheitssysteme noch die weniger ausgeprägten sozialen Sicherungsmaßnahmen in der Lage sind, die drastischen Folgen der Krise entsprechend abzumildern, was sich dann sowohl in höheren Todeszahlen als auch in dramatischeren Arbeitslosenraten äußert. Aus meiner Sicht ist es in Österreich aber gar nicht wirklich möglich eine Ar- gumentationslinie der Priorisierung der Wirtschaft entsprechend aufzubauen. Wir sind eine stark vom Tourismus geprägte Nation und deshalb ist ein signifkanter Bestandteil unserer Ökonomie direkt vom Infektionsgeschehen abhängig. Wir können es uns also auch ökonomisch betrachtet gar nicht leisten, dass die Infektionszahlen außer Kontrolle geraten. Dennoch gibt es sicherlich verschiedene Milieus, die weniger gesundheitlich und stärker ökonomisch betroffen sind und umgekehrt. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass junge Menschen besonders stark unter den ökonomischen und sozialen Folgen leiden, während ältere Menschen sicherlich den gesetzten Maßnahmen mit mehr Zustimmung begegnen.

 

ANWALT AKTUELL: Sehen Sie quer durch die Gesellschaft Gruppen, die das Corona-Regime besonders positiv bzw. besonders negativ beurteilt haben?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Wie vorhin bereits erwähnt ist das Stimmungsbild in der Bevölkerung zunehmend polarisiert. Die Spaltungslinien verlaufen sicherlich einerseits entlang von klassischen sozialstrukturellen Charakteristika wie

Bildung und Status, weil weniger privilegierte Gruppen stärker von den ökonomischen Folgen der Krise betroffen sind und somit kritischer auf die Maßnahmen reagieren. Sie sind auch von der Komplexität der Krise überfordert und potentiell empfänglicher für simple Botschaften und alternative Realitäten. Natürlich gehen auch ältere und jüngere Menschen unterschiedlich mit der Krise um. Das Ausmaß der Unbekümmertheit ist in der jüngeren Generation sicherlich höher, wobei die Jungen natürlich auch besonders stark unter den sozialen Einschränkungen leiden und auch häufger von Depression und Jobunsicherheit geplagt sind. Insofern sehen die Älteren das Corona-Regime durchaus positiver und bringen den Verhaltenseinschränkungen eine höhere Akzeptanz entgegen. Ich selbst habe mich mit meinem Kollegen Franz Höllinger mit der Rolle von Religion in der Corona-Krise auseinandergesetzt, auch hierzu haben wir interessante Ergebnisse gefunden https://viecer.univie.ac.at/ corona-blog/corona-blog-beitraege/blog-53-re- ligiositaet-in-zeiten-der-corona-krise/). Aus der Corona-Panel Umfrage geht hervor, dass religiöse Menschen zufriedener mit ihrer eigenen Lebenssituation sind, die Arbeit der Bundesregierung im Hinblick auf die Krisenbewältigung positiver bewerten und mehr Vertrauen in staatliche Institutionen haben als nichtreligiöse Menschen. Der christliche Wert der Solidarität wird von religiösen Menschen aber nicht stärker vertreten als von nichtreligiösen, zumindest nicht, wenn es um die Frage von staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung bzw. um Umverteilung zugunsten ärmerer Bevölkerungsgruppen geht.

 

ANWALT AKTUELL: Die Corona-Krise hat eine noch nie dagewesene Einschränkung unserer Freiheitsrechte gebracht. In Deutschland sind die Menschen auf die Straßen gegangen und haben protestiert. Warum eigentlich nicht in Österreich?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Natürlich gibt es auch in Österreich einen signifkanten Anteil von Corona-Skeptikern bis Corona-Leugnern. Warum größere Demonstrationen bisher ausgeblieben sind, ist schwierig zu beurteilen. Einerseits könnte dies an der aktuellen Schwäche der FPÖ liegen, denn es gelingt den Parteien rechts der Mitte derzeit nicht, mit diesem Thema entsprechend zu mobilisieren. In Deutschland scheinen sich die radikalen Ränder der Gesellschaft auch untereinander zu solidarisieren, wodurch sich ein schwer fassbares Anti-Corona Milieu herausbildet. Wenn wir zum Vergleich in die USA oder nach Brasilien blicken, wo auch die Präsidenten Trump und Bolsonaro selbst eine breite Corona-Skepsis schüren, dann zeigt sich die Zerrissenheit in der Bevölkerung aber noch viel stärker als in Deutschland und die gesellschaftliche Ordnung ist sicher stärker auf die Probe gestellt. Protest hängt sicher stark mit Exklusion zusammen. Je stärker die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise schlagend werden und je mehr sich die Menschen ausgeschlossen fühlen, desto eher könnten auch Protestbewegungen zunehmen.

 

CORONA-SOZIOLOGIE  Prof. Wolfgang Aschauer mit  AA-Herausgeber Dietmar Dworschak
CORONA-SOZIOLOGIE Prof. Wolfgang Aschauer mit AA-Herausgeber Dietmar Dworschak

ANWALT AKTUELL: Sie haben über Autoritarismus in Österreich ge-forscht und, wenn ich mich recht erinnere, einen gewissen Hang der Bevölkerung zum strengen Regime herausgefunden. Nützt diese Sehnsucht nach starker Führung in der aktuellen Corona-Krise?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Tatsächlich zeigen einzelne Studien, die ich für Österreich im Allgemeinen und in Salzburg im Besonderen durchgeführt habe, ein relativ hohes Ausmaß an autoritärer Unterordnung. Viele Menschen in Österreich sehnen sich nach einer starken Führungspersönlichkeit, der sie Vertrauen schenken können. Daraus könnte die erstaunlich hohe Diszipliniertheit im Frühjahr erklärbar sein. Wie wir wissen, sind wir aber, was das Virus betrifft, über den Sommer sehr rasch sorglos geworden und haben die verordnete „neue Normalität“ nicht allzu ernst genommen. Ich denke, dass wir in Bezug auf Obrigkeitshörigkeit, Gleichgültigkeit oder Widerstand ziemlich genau im europäischen Mittel liegen. Während in Skandinavien wohl mehr Opposition sichtbar geworden wäre und gezielt auf Eigenverantwortung gesetzt wurde, gibt es ja viele Staaten mit weit drastischeren Maßnahmen. Die Einhaltung der propagierten Verhaltensweisen wird ja bei uns eher sanft sanktioniert, viele Empfehlungen (zu Massentests und Impfungen) werden auf Freiwilligkeit beruhen und es gibt starke Widerstände in der Bevölkerung, was eine Überwachung unseres Verhaltens mit ausgefeilten technischen Mitteln betrifft.

 

 

 

 

 

ANWALT AKTUELL: Gibt es eine Aussicht auf eine gesellschaftliche Gegenbewegung nach Corona, so unter dem Motto: In dieser Weise lassen wir uns nicht mehr einsperren? Oder verbessern sich die Chancen der politischen Führer, das Land auch künftig an der kurzen Leine zu führen?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Aus meiner Sicht ist das durchaus eine entscheidende Frage für die Zeit nach der Pandemie. Gelingt es uns als StaatsbürgerInnen, unsere Freiheiten in gleichem Maße „zurückzuholen“ oder werden Einschränkungen der Grund-und Freiheitsrechte anschließend dauerhaft fortgeführt? Ich glaube, dass die tiefgreifenden Erfahrungen des Social Distancing länger fortwirken werden und dass die Post-Corona Gesellschaft durchaus anders aussieht, als wir gewöhnt sind. Dennoch bin ich – zumindest für Europa – recht optimistisch. In etablierten Demokratien werden viele Maß- nahmen in relativ kurzer Zeit, auch auf Druck der Bevölkerung, zurückgenommen werden (müssen), um die Grund- und Freiheitsrechte der BürgerInnen zu sichern. Auch die neuen Technologien der Verhaltenskontrolle werden sich in unseren Breiten nur bedingt durchsetzen. Wenn wir aber nach Asien blicken, dann werden einzelne Länder sowohl ökonomisch als auch im Sinne der Bewältigung der Pandemie durchaus gestärkt hervorgehen und im globalen Machtgefecht noch mehr Bedeutung erlangen. Der technologische Vorsprung in China im Bereich der Gesichtserkennung oder auch in Südkorea im Bereich des Verhaltenstrackings haben dazu geführt, dass das Virus erstaunlich schnell und wohl auch nachhaltig eingedämmt werden konnte. Die Bevölkerung „erkauft" sich die soziale Stabilität, indem sie eine massive Ausweitung der Überwachung akzeptiert. Wir in Europa sollten uns gut überlegen ob wir in einer derartigen Gesellschaft leben wollen.

 

 

"Natürlich gibt es auch in Österreich einen signifikanten Anteil von Corona-Skeptikern  bis Corona-Leugnern.“

 

ANWALT AKTUELL: Besonders am Anfang der Krise war viel von Hilfsbereitschaft und Zusammenrücken die Rede. Ist da ein echter gesellschaftlicher Zusammenschluss entstanden oder nur eine „Solidarität auf Zeit“?

 

Prof. Wolfgang Aschauer: Ich denke, im Zuge der Lockdowns entsteht tatsächlich eine intensiver gelebte Solidarität auf Zeit, wo die Menschen in den Tiefpunkten der Krise auch stärker zusammenrücken. Die Frage ist natürlich auch, wie weit die Solidarität reicht, erstreckt sie sich nur auf den Mikrobereich (die Nachbarschaftshilfen zum Beispiel) oder wird tatsächlich ein sozialer Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Schichten zunehmend breiter befürwortet? Wir haben hier in einer eigenen, durchgeführten Studie im Mai 2020, wo es um Grundwerte in Zeiten der Krise geht, https://aussda. at/neuigkeiten-details/news/drei-fragen-an-wolfgang-aschauer/, spannende Ergebnisse erzielt. So zeigt sich beispielsweise in Krisen ein Trend zu konservativen Werten. In unserer Umfrage bestätigt sich diese Tendenz bei einzelnen Werthaltungen (z.B. mehr Traditionsgebundenheit in Zeiten von Corona). Wir konnten aber auch feststellen, dass bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Werte wie Altruismus und Universalismus nur bedingt an Bedeutung gewinnen. Vor allem die älteren Erwachsenen in Österreich leben diese solidarischen Werte, während die jüngeren Generationen doch stärker mit sich selbst und damit befasst sind, die eigene gesellschaftliche Position zu stärken oder zumindest zu halten. Die dramatische Erfahrung der Corona-Krise mag auch dazu beitragen, dass größere Teile der Bevölkerung die Dynamik der Globalisierung einbremsen und die nationale und regionale Wirtschaft stärken wollen. Die Solidarität wird aber eher in nationalen Zusammenhängen gedacht, denn bei Fragen zur Zuwanderung oder zu europäischen Hilfen bleibt die Mehrheit der Bevölkerung skeptisch. Aus einem Vergleich zwischen diesen normativen Zukunftserwartungen und der prognostizierten realen Entwicklung geht auch hervor, dass sich viele bewusst sind, dass ihr Wunsch nach einer solidarischeren Gesellschaft und nach einer nachhaltigeren Lebensweise nicht oder nur zum geringen Teil in Erfüllung gehen wird. Ich schließe mich diesem Eindruck an und glaube, dass größere Transformationen in der Post-Corona Gesellschaft eher unwahrscheinlich sind.