„Rechtssprache kann zum Problem werden“

Daniel Leisser

Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik

SPRACHFORSCHUNG. Die junge „Österreichische Gesellschaft für Rechtslinguistik“ setzt sich das Ziel, die Kommunikation zwischen Fachleuten der Rechtsprechung und „Alltagsmenschen“ zu verbessern. Die Grundfrage lautet: Ist unser Recht verständlich genug, um reibungslos umgesetzt werden zu können?

Interview: Dietmar Dworschak

 

„Es gibt kein Recht ohne Sprache“ sagt Daniel Leisser, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik. Was in Deutschland und im angloamerikanischen Raum bereits als Wissenschaft betrieben wird beginnt in Österreich erst langsam ins Bewusstsein auch der Universitäten einzufließen. Daniel Leisser hat einen Bachelor of Arts des Institutes für Anglistik, einen Magister (Englisch und Geschichte) sowie einen Master of Laws (LL.M in Edinburg) absolviert und arbeitet momentan an einer fächerübergreifenden Dissertation in Sprach- und Rechtswissenschaften.

 

Nehmen wir die klassische Kommunikationssituation: Ein minder gebildeter Beschuldigter soll von einem gut ausgebildeten Rechtsanwalt vertreten werden. Wie kommen die beiden linguistisch zusammen?

 

Daniel Leisser: „Sehr spannende Situation. Es geht in der Tat darum, wie wir Sachverhalte darstellen, wie wir denken. Da unterscheiden sich die hier zusammentreffenden Welten sicher markant. Es ist das Entscheidende, wie weit man einen „common ground“ findet. Das Wichtige dabei ist, dass der „common ground“ möglichst früh zustande kommt. Es geht darum, dass der Anwalt eine Kommunikationsbasis findet, die so stark ist, dass sie bis zum Ende des Verfahrens beibehalten werden kann. Nur wenn es ein gutes Verständnis zwischen Anwalt und Mandanten gibt, kann der Mandant auch proaktiv sein.“

 

Sie haben das ABGB untersucht und eine Menge „sprachlich unbestimmte Begriffe“ gefunden. Was kann man sich darunter vorstellen?

 

Daniel Leisser: „Eine allgemeine sprachliche Unbestimmtheit finden wir im täglichen Leben überall, denn jedes Wort hat in gewisser Weise das Potential, unbestimmt zu sein. Davon muss man die juristische Unbestimmtheit unterscheiden. Mich hat im ABGB vor allem die sprachliche Unbestimmtheit interessiert. Viele der verwendeten Begriffe sind nicht allgemein verständlich, weil sie als Konstrukte für Juristen, nicht aber für Alltagsmenschen geschrieben worden sind. Die zunehmende Komplexität der Welt bildet sich immer stärker auch in Gesetzestexten ab, womit sich die Frage stellt: Wie nahe ist das Gesetz eigentlich beim Bürger?“

 

Kürzlich sagte mir ein Wirtschaftsjurist, er sehe seine Funktion unter anderem darin, Dolmetscher zwischen dem Recht und dem Mandanten zu sein. Brauchen wir dazu bereits Übersetzer?

 

Daniel Leisser: „Man muss hier tatsächlich aufpassen. Totale Präzision, zum Beispiel in juristischen Texten, bedeutet den totalen Zusammenbruch der Kommunikation. Für den Juristen ist Präzision das Non plus Ultra, vor allem wenn es darum geht, etwas möglichst genau zu beschreiben. Die Frage lautet: Wo steht der Alltagsmensch? Kann man die juristische Sprache lernen? Handelt es sich um eine Art Fremdsprache, die man lernen kann? 

 

Oder setzt man auf der anderen Seite an und sagt: Die Rechtssprache muss näher an den Bürger herangebracht werden? Der erste Schritt ist jedenfalls, sich bewusst zu werden, dass die Rechtssprache, wie sie sich momentan darstellt, ein Problem werden kann.“

 

Der ambitionierte Rechts-Sprach-Forscher merkt des Weiteren an, dass die soziale Dimension der Sprache speziell im Bereich des Ermittlungsverfahrens bisher unterschätzt und zu wenig erforscht sei. Er selbst versucht, hier einen wissenschaftlichen Beitrag im Rahmen seiner Dissertation zu leisten, was bisher an der Zulassung seitens der Behörden scheiterte.

 

Sehr wohl gelungen ist ihm, die Erlaubnis zur Untersuchung der Kommunikation bei Gericht zu erlangen. Mithilfe anonymisierter Protokolle untersucht Daniel Leisser die Charakteristika der Kommunikation im Zuge der Verhandlungen. Daneben bereitet der die erste internationale Konferenz der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik vor, die vom 8. bis zum 10. November 2019 unter dem Titel „Contemporary Approaches to Legal Linguistics“ an der Universität Wien stattfindet. Mehr dazu unter www.oegrl.com