Forum „Europa – Liszt – Raiding“

KULTUR TRIFFT POLITIK. Liszt hören, Europa diskutieren. Bereits zum zweiten Mal fand in Raiding das „Europa-Forum“ statt. Eine Spurensuche europäischer Gemein-samkeiten im scheinbar unpolitischen Umfeld der Musik.

 

Letztes Jahr fand im Oktober im Rahmen des Liszt Festivals Raiding im Mittelburgenland (siehe www.lisztfestival.at) das erste Forum „Europa – Liszt – Raiding“ statt. Es intendiert, in Zeiten europäischer Krisen und Verunsicherungen einen Beitrag zum Bewusstsein dafür zu leisten, welche Errungenschaft die europäische Integration in Gestalt des Europarats und vor allem der Europäischen Union darstellt und wie sie im politischen, sozialen und gesellschaftlichen Interesse der europäischen Bevölkerung weiter vertieft und gestaltet werden kann. Das Forum will darüber hinaus und vor allem zeigen, wie Europa sich in kultureller Hinsicht definiert, wie viele und welche kulturelle Gemeinsamkeiten und wechselweise Inspirationen es in geisteswissenschaftlicher, literarischer, musikalischer und anderer künst­lerischer Hinsicht gibt – kurz, ob und wenn ja über welche kulturelle Identität Europa verfügt und welchen Beitrag es zum weiteren euro­päischen Einigungsprozess leisten kann. Damit wird ein Thema verfolgt, das in der Arbeit der Europäischen Union bisher noch nicht allzu viel Beachtung gefunden hat.

 

Viele Menschen wenden sich von der Idee eines geeinten Europas ab, weil sie oft nicht wissen, was die Identität Europas eigentlich ausmacht, und nur ungenügend wissen, wofür die EU – abgesehen vom gemeinsamen Währungs- und Wirtschaftsraum und den Freizügigkeiten – dem Grunde nach steht und wohin sie gehen will oder soll.

 

Europa erzählen

Aus diesem Grund verfolgt das Forum die Idee, Geschichten über Europa zu erzählen und Dialoge zu führen, wohin Europa gehen soll. „Wir brauchen Narrative, die den Menschen erzählen, worin die Idee der europäischen Integration besteht, auf welchen Fundamenten, Bekenntnissen und Werten Europa beruht, die wir – durchaus streitbar – verteidigen sollten, weil sie uns Frieden, Sicherheit und Stabilität gebracht haben und erhalten, über welche Gemeinsamkeiten Europa trotz seiner Heterogenität im Hinblick auf seine Menschen und Sprachen, Geschichte, Politik, Recht, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und anderen Kulturleistungen verfügt“ sagt der Initiator des Forum „Europa – Liszt –Raiding“, der Wiener Rechtswissenschaftler Hannes Tretter. In den Debatten mit allen Menschen, die sich dafür interessieren, insbesondere auch der Jugend, sollte es gelingen, Europa und die EU über das Rationale hinaus auch emotional zu erfahren, als etwas, für das es sich mit dem Herzen friedlich zu streiten lohnt.

 

Der europäische Künstler

Wie kann dies gelingen? Wie kann ein Künstler wie Franz Liszt uns dabei inspirieren, der als „Spiritus Rector“ des Forums gesehen wird? Franz Liszt gilt aufgrund seiner Wanderjahre in fast ganz Europa als europäischer Künstler, der sich von verschiedensten musikalischen Stilen und literarischen Werken inspirieren ließ. Mit seinen Symphonischen Dichtungen, die antike wie deutsche, britische und italienische Dramen aufgreifen – so etwa mit „Tasso“, „Prometheus“, „Orpheus“, „Hamlet“, „Faust“ und Dantes „Divina Comedia“ – hat er anknüpfend an die Weimarer Klassik Goethes und Schillers mit den Worten Klaus Mangers „Weltliteratur in Tönen“ geschaffen. Politisch betrachtet stand Liszt unter den Einflüssen der bürgerlichen Revolutionen der Jahre 1830 und 1848, der sozial-utopischen Ideen und Lehren des Grafen Henri de Saint-Simon sowie dem in der Philosophie der Aufklärung beruhenden philosophischen und politischen Gedankengut der christlichen Soziallehre. Im Nationalen des 19. Jahrhunderts sah Liszt die Bausteine des Universellen. Insoweit scheint es in seinem Denken Gemeinsamkeiten zu Giuseppe Mazzini zu geben, einem sozialistischen Idealisten, der die Idee eines „Europa der Völker“ verfolgte. Wie in einem musikalischen Gesamtkunstwerk sollte in einem politischen Gesamtkunstwerk eine neue Gesellschaft entstehen, in der die Gegensätze von Geist und Leben, Bürger und Mensch, Individuum und Gesellschaft aufgehoben sein sollten. Musik und Wort dienen dabei als verbindliche Sprache – Liszt hat mit seiner programmatischen, an literarischen und mythologischen­ Themen und Vorgaben anknüpfenden und oft in die Zukunft weisenden Musik maßgebend­ zur Umsetzung dieser Idee beigetragen.

 

Europa und Literatur

Das diesjährige Forum im Oktober begab sich einerseits auf eine „Europäische Spurensuche in der Literatur“ mit der Schauspielerin Katharina Stemberger, dem Schriftsteller Doron Rabinovici und dem Direktor des Archivs der Österreichischen Nationalbibliothek Bernhard Fetz sowie auf eine „Europäische Spurensuche in der Musik“ mit der Kulturjournalistin Miriam Damev, dem Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros des Konzerthauses Rico Gulda und dem Kulturredakteur von Ö1 Wolfgang Schlag, befasste sich andererseits aber auch mit politischen Fragen, und zwar „Was wollen wir von Europa?“, die an drei junge Menschen gerichtet wurden (Julia Haas vom BMEIA, Julia Hahn vom Bürgerforum Europa und Norbert Kittenberger von Asyl in Not), sowie „Europadämmerung?“ (in Anlehnung an den Titel des Buchs von Ivan Krastev), die die frühere Justizministerin und Richterin am EuGH Maria Berger, die Politikerin und Gründerin des Liberalen Forums Heide Schmidt, und der „europäische“ Schriftsteller Dimitré Dinev diskutierten. Dass alle – teilweise durchaus auch kontroversiell geführte – Podiums­diskussionen unter reger Beteiligung des Publikums nahezu drei Stunden dauerten, zeigt das große Interesse an der Bedeutung der gewähl­ten Themen.

 

Forum und Konzerte auf Tournee

Im kommenden Jahr wird das Forum voraussichtlich in geänderten Formaten im derzeit in Bau befindlichen neuen Liszt Zentrum der Gemeinde und des Franz Liszt Vereins Raiding unter stärkerer Einbindung der Jugend und der Schulen der Region stattfinden. Geplant ist auch eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit, insbesondere mit den Nachbarländern des Burgenlands (Ungarn, Slowakei und Slowenien). Schließlich verfolgt man die Idee, mit dem Forum und Liszt-Konzerten auf „Europa Tournee“ zu gehen. Schon heuer ist Start in Lissabon, wo Franz Liszt 1845 insgesamt elf Konzerte gab, zwei davon im Teatro Nacional de São Carlos, wo am 15. November der russische Pianist Boris Bloch ein Konzert mit Werken von Franz Liszt geben wird. Dieser Beitrag soll mit einem Zitat von Franz Liszt schließen, das als ein Motto des Forums verstanden werden kann: „Wenn auch anzunehmen ist, alles sei bereits gesagt, so darf man doch keinesfalls folgern, dass auch alles gehört und verstanden ist.“