Das Ende der 70-Stunden-Woche


NACHWUCHS. Speziell größere Anwaltskanzleien tun sich zunehmend schwer, gute oder exzellente Bewerberinnen und Bewerber zu finden. Immer deutlicher wird spürbar, dass die traditionellen Erwartungen der Stellenanbieter mit jenen des Nachwuchses nicht mehr zusammenpassen.

„Na, was glaubst du, warum mich die Mandanten beauftragen?“ fragt der arrivierte Anwalt einen jungen Kollegen. „Weil ich als böser Bube gelte, und nicht als Weichei!“ In diesem Fall ist überliefert, dass die Haltung dieses Anwalts auch das Verhältnis zu den Auszubildenden prägt.

In anderen Berufen würde man es ein „no go“ nennen, in der Anwaltschaft sind kernig gestaltete Lehrverhältnisse im Jahr 2022 zwar nicht mehr die Regel, aber nicht weit weg von der Ausnahme. Ähnlich den Ritualen strenger Studentenverbindungen gibt es auch in der (männlichen) Anwaltschaft romantische Erzählungen zum Thema „Gelobt sei, was hart macht“. Da erinnert man sich dann mit leichtem Schaudern an legendäre Ausbildungsanwälte und ihre nicht immer gewaltfreien Marotten.

Eine subtile Fortsetzung dieser martialischen Rituale findet sich im neuzeitlichen Brauch, von den Konzipienten möglichst viele abrechenbare Wochenstunden einzufordern. Möchte man nicht Versager (m/w/d) oder Lügner (m/w/d) sein, biegt man eben auch mal 70 Stunden pro Woche herunter. Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

 

Perspektiven und Realität

Rechnet man zusammen, wie viele Jahre durchschnittlich gebraucht werden, um in einer halbwegs attraktiven
Kanzleiposition zu landen, sieht man deutliche Unterschiede zu Karrierewegen etwa in der Wirtschaft.

Nach vier bis sieben Jahren Studium plus fünf Jahren Konzipientenzeit geht es erst um die dreißig am unteren Rand der Kanzlei-Nahrungskette los. Im Vergleich dazu führen ehemalige Studentinnen und Studenten der Betriebswirtschaft in diesem Alter bereits Abteilungen oder ganze Unternehmen. Während diese „high performer“ einem meist einforderbaren Karriereplan folgen sind junge Anwältinnen und Anwälte in der Regel vom Wohlwollen der Kanzlei-Senioren oder –Partner abhängig, wenn es um die guten Plätze am Tisch geht.

 

Neues Selbstbewusstsein

Im Jahr 2022 hat es die Advokatur mit einer neuen Generation von Nachwuchs zu tun. Diese unterscheidet sich in ihrer Ausbildung markant von den Kanzlei-Senioren, die heute um die 50 Jahre alt sind und ihr Studium noch vergleichsweise lässig, ohne ETCS-Punkte und im besten Sinne universitär abspulten. Die Jungen stehen seit ihrer
Grundschule massiv unter Selektionsdruck und hören im Bewerbungsprozess, dass man neben einem Magister tunlichst einen LL.M., ein Doktorat und fünf Auslandsjahre in London, Shanghai und bei der UNO mitbringen sollte.

Wenn diese jungen juristischen Triathleten dann Forderungen stellen, die ihrem Dutzend Ausbildungs- und Praxisjahren entsprechen, dann sind die Altvorderen in den Kanzleien nicht selten baff.

 

Arbeitgeber der Zukunft

Die zwei Corona-Jahre haben auch in der Anwaltschaft tiefe Veränderungen hinterlassen. Hauptursache sind strenge Lockdowns, die sich deshalb so massiv auswirkten, weil massenhaft neue Erfahrungen gemacht wurden. Statt 10 bis 12 Stunden Büro herunterzubiegen gewöhnte man sich ans Homeoffice.

Viele Anwältinnen und Anwälte, besonders die jung verheirateten, entdeckten plötzlich, dass es ein Leben auch außerhalb des Büros gab. Manche stellten fest, dass ihre Kinder im realen Leben viel süßer waren als auf dem Schreibtischfoto in der Kanzlei, andere gewöhnten sich daran, plötzlich bei Tageslicht zu joggen. Und sie fragten: Warum eigentlich nicht immer so?

Ich kenne mittlerweile mehrere Anwältinnen und Anwälte, die sich dem alten 70-Stunden-Modell entzogen
haben, indem sie entweder in eine neue, offene Arbeitsstruktur mit hohem Homeoffice-Anteil oder in einen anderen juristischen Beruf wechselten.

Trendbewusste Arbeitgeber denken inzwischen um. Anstelle eintöniger Jobs an der Resterampe der Kanzlei überlegen sie sich, wie sie attraktive, vielfältige juristische Arbeit anbieten. Die Bezahlmodelle unterliegen plötzlich einer Diskussionskultur, wie sie vor Corona unbekannt war. Clevere Kanzleien locken den Nachwuchs nicht mehr
vorrangig mit Schulungen der juristischen Expertise, sondern mit Sport, Benefits und „community“. Denn sie wissen: Entspannte leisten mehr. Ein Berufsbild wandelt sich.