„Wir haben eine künstlerische und gesellschaftspolitische
Leuchtturmfunktion“


ZWISCHEN TRADITION UND DISKUSSION. Aus einem humanistisch europäischen Friedenskonzept sind die Salzburger Festspiele in 100 Jahren zu einer künstlerischen und ökonomischen Erfolgsmaschine geworden. Auch Fragen
nach zweifelhaften Sponsoren stören den eingeschlagenen Kurs nicht wirklich. Die Wirtschaftsjuristin Kristina Hammer ist seit Jahresanfang Präsidentin
der Salzburger Festspiele.

ANWALT AKTUELL: Wo zwischen „Event“, Wirtschaftsfaktor und weltweit beachteter Kreativ-Maschine stehen die Salzburger Festspiele?

 

Kristina Hammer: Die Hochkultur war und ist in meinen Augen immer schon ein Spiegel, aber auch Taktgeber der Gesellschaft. Die Festspiele laden das Publikum in einer künstlerischen Reflexion ein, über unsere Zeit nachzudenken. Was die Salzburger Festspiele so besonders macht, ist der inhaltliche Spannungsbogen den unser Intendant Markus Hinterhäuser über alle unsere Aufführungen legt, einen gedanklichen „roten“ Faden, der alles zusammenfügt. In diesem Jahr ist es Dantes „Göttliche Komödie“. Da geht es um existentielle Themen wie die Hölle, um das Fegefeuer, aber auch um das Paradies. So wie wir gerade leben, erleben wir ein bisschen davon in
allen Varianten. Künstlerisch sind die Salzburger Festspiele dabei kaum zu toppen. Wir bieten in diesem Sommer

174 Vorstellungen in 17 Festspielstätten mit 225.000 aufgelegte Tickets für Oper, Konzert und Theater. Gleichzeitig schaffen wir eine Wertschöpfung von 183 Millionen Euro für Salzburg sowie 215 Millionen Euro für Österreich und sind damit auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor.

 

ANWALT AKTUELL: Das Publikum der Festspiele ist, vornehm gesagt, „gesetzten Alters“. Stirbt das Festival eines Tages mit seinem Publikum?

 

Kristina Hammer: Das ist leider ein oft gehörtes Vorurteil. Was schätzen Sie, was das Durchschnittsalter unseres Publikums ist?

 

ANWALT AKTUELL: 50

 

Kristina Hammer: Richtig und wir sind quicklebendig! Unsere Besucherinnen und Besucher sind  durchschnittlich zwischen 50 und 57 Jahre alt, abhängig von den jeweiligen Formaten.

 

ANWALT AKTUELL: Eine aktuelle Untersuchung lässt befürchten, dass das sogenannte Bildungsbürgertum
in den nächsten Jahren verschwindet. Wird sich das Angebot der Festspiele verändern müssen?

 

Kristina Hammer: Es geht hier meiner Meinung nach zunächst um eine gesellschaftspolitische Verantwortung der Festspiele gegenüber der jungen Generation. Früher hat die Familie, das Elternhaus die Kinder herangeführt an Oper, Theater und Konzert. Wenn das Elternhaus dies nicht wahrgenommen hat, wurde oft von der Schule im
Rahmen des Musikunterrichts viel Zusätzliches angeboten. Die Studie ist nachvollziehbar: Diese Form der breiten Kulturerziehung findet zunehmend seltener statt.

Zum 100-Jahre-Jubiläum der Salzburger Festspiele haben wir deshalb ein neues Jugendprogramm mit dem Titel „Jung und jeder“ aufgelegt. In diesem Jahr finden 54 Jugendvorstellungen statt, eine Jugendoper („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) und spezifische Einführungsworkshops für Jugendliche werden ebenso angeboten wie unsere beliebten Operncamps gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern.

Mit zwei speziell für Kinder und Jugendliche geschaffenen Formaten von Musik- und Sprechtheater gehen wir in 20 Orte des Salzburger Landes hinein in die Schulen und in die Kulturzentren. Mit großem Erfolg. Es macht Freude, zu sehen, wieviel Theater oder Musik Kindern und Jugendlichen geben kann.

Dieses Jahr gibt es noch eine weitere Novität: Unsere Festspiel-Patenschaften. Wir laden unsere loyalen Festspielgäste ein, sich als Festspiel-Paten zur Verfügung zu stellen. Sie werden einer jungen Besucherin, einem jungen Besucher zwischen 16 und 26 zur Seite gestellt, die noch nie vorher bei den Salzburger Festspielen waren. Auswählen können sie aus sechs verschiedenen Vorstellungen, zu denen sie dann gemeinsam gehen.

Der Gedanke dahinter ist, dass der „erfahrene“ Festspielgast dem Nachwuchsbesucher zeigt, wie er die Salzburger Festspiele ganz persönlich erlebt. Wir geben diesbezüglich nichts vor, ob die beiden demnach vor der Vorstellung gemeinsam das Libretto studieren oder nach dem Konzert eine Bratwurst essen gehen bleibt ihnen und der Präferenz des Festspielpaten/patin überlassen.

 

ANWALT AKTUELL: Sie haben langjährige Marketing- Erfahrung auf höchstem Niveau – etwa in der Leitung der Markenkommunikation bei Jaguar oder Mercedes. Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Marke „Salzburger Festspiele“ – und: Wofür soll die Marke in fünf und in 10 Jahren stehen?

 

Kristina Hammer: Die Salzburger Festspiele sind viel mehr als eine Marke. Sie basieren auf einer hundertjährigen Geschichte und dem starken Gründergeist von Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss und Max Reinhardt. Ich möchte auf der enormen Strahlkraft, die die Salzburger Festspiele in Österreich und in der ganzen Welt haben, aufbauen und diese mit Sorgfalt und Achtsamkeit gemeinsam mit dem hervorragenden Team hier im Hause weiter ausbauen. Man erinnere sich: Die Salzburger Festspiele sind in der Pandemiezeit der Spanischen Grippe gegründet worden, dazu Erster Weltkrieg, Not und Hunger. Das war damals ein tollkühner Gedanke. Man hatte ja nicht einmal eine Spielstätte. In einem damaligen Werbeprospekt wurde geschrieben: „Was gibt den Salzburgern
und Österreich den Mut dazu, im jetzigen Augenblick?“ Und wissen Sie, was Hofmannsthal geantwortet hat? „Die Tatsache, dass allen Menschen jetzt nach geistigen Freuden verlangt“.

Dieser Mut zieht sich für mich durch die gesamte Geschichte der Salzburger Festspiele hindurch. Mut hatte auch das vorherige Direktorium, wenn wir an die Corona-Pandemie denken. Da hieß es in Salzburg: „Wir spielen!“ Mit einem herausragenden Sicherheits- und Präventionskonzept. Das war ein Befreiungsschlag, das Zeichen einer trotzdem möglichen Aufführungsnormalität. Die Entscheidung 2020, 2021 die Sommerfestspiele nicht abzusagen,
hatte eine Signalwirkung, und zwar sowohl im In- als auch im Ausland. Das hat einmal mehr gezeigt, dass die Salzburger Festspiele eine Leuchtturmfunktion wahrnehmen.

 

ANWALT AKTUELL: Eine wesentliche Aufgabe Ihres Amtes ist die Betreuung und Gewinnung von Sponsoren. Was geschieht mit dem derzeit noch aktiven Sponsor Solway, dem bei seinen Bergbauaktivitäten in Guatemala Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden?

 

Kristina Hammer: Wir haben von den Vorwürfen Anfang März durch die mediale Berichterstattung erfahren und sofort Kontakt mit unserem Schweizer Projekt-Sponsor aufgenommen und diese um eine umfassende Aufklärung ersucht. Solway hat eine ausführliche Untersuchung in Aussicht gestellt, sowohl intern wie auch durch ein externes
Audit. Die im Raum stehenden Vorwürfe beziehen sich auf eine Nickelmine namens Fenix in Guatemala und die dortige Gesellschaft. Wir warten auf die angekündigten internen und externen Untersuchungsergebnisse. Dann werden wir reagieren.

 

ANWALT AKTUELL: Corona, Ukraine-Krieg und Inflation sind nur drei Begriffe, die das Leben aktuell überschatten. Was können Festspiele in einer solchen eher bedrückenden Lage leisten?

 

Kristina Hammer: Sie können zum Nachdenken über die Zeit und eine vertiefte Reflexion über den Menschen an sich, seine Intentionen anregen. Aufbauend auf dem Gründungsgedanken der Festspiele und dem Glauben an die Kraft des Geistes und die menschliche Kreativität als das Verbindende zwischen den Menschen. Nicht nur das Verbindende zwischen Künstlern und Publikum, sondern auch zwischen dem, was in meiner Wahrnehmung heute Risse in der Gesellschaft erzeugt: Unterschiedliche Nationalitäten, unterschiedliche Religionen, ethnische Zugehörigkeit… Und schon damals hat man Toleranz, Versöhnung und Humanität in den Mittelpunkt gestellt. Ein europäischer Friedensgedanken. Das sind Leitmotive, an denen wir uns auch heute weiterhin orientieren können.

Hofmannsthal hat noch etwas gesagt: „Mein Anspruch ist, das Beste aus Theater, Konzert und Schauspiel“. Dieser Anspruch ist es, den ich spüre, wenn ich durch unsere Häuser gehe, mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Künstlern spreche.

Egal, welche pandemische Situation gerade gegeben ist – hier gibt jeder sein Bestes, um gemeinsam das Beste zu erreichen. Ich komme nochmal zurück auf die Leuchtturmfunktion: Alles, was die Salzburger Festspiele tun, hat künstlerisch und gesellschaftspolitisch Signalwirkung und findet höchste Beachtung in der internationalen Kulturszene.

 

Frau Präsidentin Hammer, danke für das Gespräch.


KRISTINA HAMMER
Dr. iur., geboren 1968 in Karlsruhe, Promotion Europäisches Wirtschaftsrecht (summa cum laude) Universität Wien.
Marketing-Managerin der Kaufhäuser Gerngross und Steffl.
2000–2007 Markenentwicklung bei Aston Martin, Jaguar und Land Rover.
2007–2009 Leitung globales Marketing Mercedes.

2009 bis 2021 Führung des eigenen Beratungsunternehmens „Hammer Solutions“ in Zürich.
Seit Jahresanfang 2022 Präsidentin der Salzburger Festspiele.