Das Ende der Anwaltschaft?


PETER KURER, Dr. iur., LL.M.
PETER KURER, Dr. iur., LL.M.

PROVOKATIV. Der Züricher Jurist und Anwalt Peter Kurer bekleidete juristische und operative Spitzenpositionen in führenden Schweizer und internationalen Unternehmen. In Zeitungsbeiträgen („Neue Zürcher Zeitung“) und Referaten deutet er das Ende der Anwaltschaft in der heute bestehenden Form an.

 

Interview: Dietmar Dworschak

ANWALT AKTUELL: Herr Dr. Kurer, naht das Ende der Rechtsanwälte, und wann rechnen Sie damit?

 

Dr. Peter Kurer: In vielerlei Hinsicht hat das Ende der Rechtsanwälte schon stattgefunden. Wenn Sie heute fragen, was sie machen, dann hören Sie „ich bin M&A-Spezialist oder ich mache Immaterialgüterrecht oder ich bin ein Datenschützer…“

Aber dass einfach einmal jemand sagt „Ich bin Rechtsanwalt“, das findet man nur noch bei den Allgemeinpraktikern, die zwar sehr wichtig und verbreitet sind, aber im Wirtschaftsbereich stellen wir eine deutliche Desintegration des Berufes fest.

 

ANWALT AKTUELL: In einem Artikel haben Sie darauf hingewiesen, dass sich Ärzte, Anwälte und auch Architekten quasi geschützte Berufszonen geschaffen haben. Wodurch sollten diese heute unter Druck geraten?

 

Dr. Peter Kurer: Die stärkste Kraft ist die Desintermediatisierung. Diese ständischen Berufe haben
ja auf einem Wissensmonopol beruht. Die Leute, die dieses Wissen brauchten, haben es aus den Speichern dieser Professionisten abgerufen. Damit wurde gesellschaftlich eine sehr wertvolle Funktion erfüllt.

Heute ist durch die Digitalisierung jedermann jederzeit jede Information zugänglich. Wir kennen das alle: Bevor wir zum Arzt gehen schauen wir unsere Symptome im Internet nach. Wir gehen dann vollinformiert zu ihm. Damit kann der Arzt seine monopolistische Speicherfunktion nicht mehr ausüben, bei Anwälten ist es das Gleiche.

Sie richtig sagen, alles, was durch die Maschine produziert ist, auf absehbare Zeit zwei drei Mängel hat. Zum einen gibt es Lücken und es braucht Menschen, die diese überspringen können. Das Zweite ist die Empathie: Man muss jemanden nicht nur abstrakt beraten, sondern man muss sehen, was wirklich sein Problem ist. Maschinen können heute, bis auf weiteres, keine Empathien entwickeln. Der dritte Faktor ist natürlich das Vertrauen. Es geht um das Gegenbild zur Empathie: Die Leute sagen „der versteht mich“ und deshalb vertraue ich ihm.

 

ANWALT AKUTELL: Dessen ungeachtet stehen Sie den Thesen des englischen Informatikers und Juristen Richard Susskind vom Ende des Anwaltstandes nahe. Sie haben dieses Ende auch schon in Vorträgen vertreten – und Widerspruch geerntet?

 

Dr. Peter Kurer: Anwälte reagieren sehr allergisch gegen diese These vom Ende des Anwaltstandes.
Viele Anwälte sind stark gefangen in ihren tradierten ständischen Systemen einschließlich der ganzen Berufsethik und sie sehen nicht, dass sich die Welt bewegt und dass sie sich in dieser neuen Welt neu orientieren müssen. Susskind sagt nicht, dass es keine Juristen mehr geben wird, er sagt, dass die ganze Arbeit der Juristen in verschiedene Kompetenzund Fertigkeitsbereiche aufgeteilt werden wird. Anwälte werden sich extrem spezialisieren, sie verlieren das Monopol und vieles, was Anwälte heute machen, wird in Zukunft maschinell gemacht werden. Das ist der Kern seiner These.

 

ANWALT AKTUELL: Eines ihrer Argumente für die langsame Abschaffung des Anwaltstandes lautet, dass das Fundament der anwaltlichen Tätigkeit wegbreche, nämlich die Rechtsstaatlichkeit. Welche Anzeichen dafür sehen Sie?

 

Dr. Peter Kurer: Was die Rechtsstaatlichkeit betrifft bin ich sehr besorgt. Wir sehen ja links und rechts, dass die Demokratie, sozusagen die Schwester des Rechtsstaates, stark leidet. Wir haben heute weniger Demokratien in der Welt als vor 20 Jahren. Damit geht auch eine Auflösung des Rechtsstaates in vielerlei Hinsicht einher. Man muss gar nicht an Afghanistan oder China denken, man sieht auch bei uns im westlichen Bereich die Entwicklung, dass die strikte und puristische Anwendung des Rechtsstaats zurückgeht und Soft-Laws sowie ideologische Prinzipien die Oberhand gewinnen. Das ist schon
besorgniserregend.

 

ANWALT AKTUELL: Wie beurteilen Sie aus der neutralen Schweiz heraus die Rechtsbrüche, mit denen sich die Europäische Gemeinschaft regelmäßig herumschlagen muss? In Polen wird die Rechtsstaatlichkeit sukzessive abgeschafft, in Ungarn geht es nicht viel besser zu…?

 

Dr. Peter Kurer: Ich glaube, die EU hat einen strategischen Fehler gemacht, indem sie einerseits räumlich zu schnell expandiert ist und gleichzeitig ihren Zuständigkeitsbereich laufend ausdehnt. Das ergibt erhebliche interne Spannungen. Gesellschaften wie Polen und Ungarn sehen sich durch die starken technokratischen und bürokratischen Ambitionen der EU extrem herausgefordert, und sie sind dafür auch nicht bereit. Hier wäre weniger mehr.

 

ANWALT AKTUELL: Da liegen ja viele Streitereien in der Luft. Damit sollte das Ende der Anwälte doch noch eine Weile hinausgeschoben werden, meinen Sie nicht?

 

Dr. Peter Kurer: Ich habe keine Angst um die Arbeit der Anwälte. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Qualität des Rechtsstaates. Der Gesellschaft wäre natürlich gedient, wenn es weniger anwaltliche Arbeit gäbe. Wir haben hier einen hohen Grad an Disfunktion. Westliche Gesellschaften geben etwa 10 Prozent des Bruttosozialproduktes für rechtliche und Compliance-Fragen aus, Unternehmen geben mehr als 10 Prozent ihres Umsatzes dafür aus – und das ist einfach zu viel! Wir können sicher viele gute Sachen über Juristen und Anwälte sagen, aber es ist sicher nicht eine innovative und produktive Tätigkeit.

 

Herr Dr. Kurer, danke für das Gespräch.


PETER KURER, Dr. iur., LL.M. (University of Chicago)

1949 in Zürich geboren, Gymnasium am Jesuitenkolleg Feldkirch, Studium der Rechtswissenschaften in Zürich und Chicago; Jurist, Rechtsanwalt und verschiedene Management-Positionen bei Baker & McKenzie und anderen Sozietäten.
2001 bis 2009 Führungsaufgaben bei der UBS (zuletzt Präsident);
2010 bis 2018 Schönherr Strategy Committee, zahlreiche Aufsichtsratsmandate