Ich oder „wir“?


Paul Collier und John Kay „Das Ende der Gier“
Paul Collier und John Kay „Das Ende der Gier“

EGO-RAUBTIER oder GESELLSCHAFTSWESEN? Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier und John Kay halten dem internationalen Trend zur ICH-Optimierung entgegen, dass „unsere wichtigste Ressource die Gesellschaft“ ist.

 

 


Die international renommierten Herren Paul Collier und John Kay entstammen jener „Babyboomer“-Generation, die in den sozial warmen Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist. Da gab’s an der
Universität noch keine Jagd nach ETCS-Punkten und US-Präsident John F. Kennedy sprach: „Sie sollten nicht fragen, was Ihr Land für Sie tun kann – vielmehr sollten Sie fragen, was Sie für Ihr Land tun können.“ Intakt war in diesen Zeiten noch John Maynard Keynes Doktrin von der aktiven Steuerung der Nachfrage durch den Staat.

Der „Homo oeconomicus“

In den 70-er und 80-er-Jahren zieht dann der eisige Wind des Marktfundamentalismus auf: „Das politische Arbeitspferd des Marktfundamentalismus ist der Homo oeconomicus, ein unsympathisches Säugetier, das nur auf finanzielle Anreize reagiert. Mit seiner Habgier, seinem Egoismus und seiner potenziellen Faulheit verkörpert er den Besitzindividualismus.“ Diese drastische Form des Egoismus durchdringt seither sämtliche Formen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Der Ökonom Gary Becker erhielt für seine Analyse der gegenseitigen Abrechnung symbolischer und finanzieller Leistungen 1992 den Nobelpreis. Da die Fantasie des Kapitalismus bekanntlich grenzenlos ist schaffen es mittlerweile – so die Autoren
– Unternehmen jeder Größe, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ihrer Atmosphäre der absoluten ICH-Zentrierung herauszuholen und auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Die Firma wird zur Chiffre für die Interessen der Extrem-Individualisten.

 

Shareholder Value

Höhepunkt der Vision von der uneigennützigen Firmen-Identität ist schließlich der Shareholder Value, am besten in Form eines Aktienpaketes, das der kleine Mitarbeiter hält. Blöd nur, wenn er eines Tages aus der Logik des Shareholder Values selbst wegrationalisiert wird. Frühestens dann erkennt er, dass er einer seltsamen Theorie auf den Leim gegangen ist. Von solchen kleinen Schönheitsfehlern abgesehen etablierte sich im System des Marktfundamentalismus seit den
Achtzigerjahren ganz massiv der Besitzindividualismus: „In diesem System gab es keinen Platz für freiwillige kooperative Vereinbarungen. Sämtliche Beziehungen waren interessenbasiert“ schreiben die Autoren.

 

Individualismus und persönliches Glück

Wie verwirklicht sich das Individuum im Umfeld des Marktfundamentalismus? Erstens gibt es da den Konsum, über den man sich definieren kann. Und zweitens den Erfolg. Hier wieder ist zu unterscheiden zwischen dem Versprechen der höchstmöglichen Selbstdarstellung („Ich bin einzigartig“) und dem beruflich-finanziellen Erfolg: „Jenseits der Schwelle von etwa 70 000 Euro scheint mehr Geld das Wohlbefinden tatsächlich zu verringern. Eine aktuelle britische Erhebung kam zum Ergebnis, dass Menschen, die mehr als umgerechnet 120 000 Euro im Jahr verdienen, mit ihrem Leben weniger zufrieden sind als der Rest der Bevölkerung.“ Bei Partnerinnen und Partnern US-amerikanischer Anwaltssozietäten mit siebenstelligen Jahresgehältern liegt die Depressionsrate bei über 30 Prozent.

 

Rückkehr des beschützenden Staates?

Nachdem der Weg des puristischen Individualismus nicht selten in Psychiatrie oder Gefängnis endet empfehlen die beiden Autoren Paul Collier und John Cay eine Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und ihre rechtlichen sowie emotionalen Ordnungsfaktoren. Demokratie und stärkere Bürgerbeteiligung, so ihre Vision, werden früher oder später nicht nur das wirtschaftliche Hauen und Stechen überwinden, sondern auch die aktuell gängigen Ego-Modelle der Politik überwinden. Immerhin hat der Boden des Marktfundamentalismus nicht nur Millionen ebenso selbstverliebter wie unglücklicher Selfie-Persönlichkeiten, sondern auch ihre Entsprechungen in der Politik hervorgebracht – Trump und Kurz als glänzende „Höhepunkte“.

 

Den Lebenslauf bewusster formen

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Beide Autoren sind ausgewiesene Wirtschaftsfachleute. Paul Collier wurde 2019 mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet, John Cay berät neben seiner Tätigkeit als Universitätslehrer Thinktanks und schreibt Kolumnen für die „Financial Times“. Beide also keine Träumer oder alternative Philosophen. Im Finale ihres Buches „Das Ende der Gier“ formulieren sie eine gesellschaftliche Zukunftsvision, die möglicherweise den Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend entspricht. „Ortsgebundene Gemeinschaften“ können helfen, den grassierenden inhaltsleeren Individualismus zu überwinden. Aufmerksame Betreuung der Kinder schon in ihren ersten Lebensmonaten (Vorzeigemodell Frankreich mit den „écoles maternelles“) und intensive Befassung mit der kindlichen Intelligenz in der Grundschule formen das Fundament einer Persönlichkeit, die das „wir“ über das „ich“ stellt. „Im Unterschied zum Homo oeconomicus arbeiten Individuen von Homo sapiens von sich aus zusammen, um ein zukunftsgerichtetes gemeinsames Ziel zu verwirklichen, und sie tun dies durch Bindung an einen Ort. Gutnachbarliches Verhalten ist etwas Natürliches.“


Paul Collier und John Kay
„Das Ende der Gier“
Hardcover, 288 Seiten, 135 x 215 mm
ISBN: 978-3-8275-0142-4
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH