Die Stimme der Frau in der Anwaltschaft

Sind Mikroaggressionen wirklich so mikro?


DR. ALIX FRANK-THOMASSER
DR. ALIX FRANK-THOMASSER

Ich habe mir kürzlich den Film Contra angesehen. Als der Frankfurter Universitätsprofessor Pohl (Deutsche Rechtsgeschichte) der Jusstudentin Naima mit Migrationshintergrund ihr Zuspätkommen im großen Hörsaal vor versammeltem Publikum vorwirft, krampfte sich alles in mir zusammen:

Pohl: Sie sind zu spät! In meinem Kulturkreis bedeutet Pünktlichkeit noch etwas!
Naima: Entschuldigung!

Pohl: Ist das ein Befehl? Man kann sich nicht selbst entschuldigen, man kann nur darum bitten. Wissen Sie das nicht?

 

 

Im Film ist für Naima mit diesem Intro die Vorlesung, ja der gesamte Tag bereits, negativ gelaufen. Hat Pohl unbewusst oder bewusst überzogen gehandelt? Für Naima zählt die Antwort auf diese Frage nicht mehr wirklich, sie fühlt sich öffentlich zurückgesetzt und ausgegrenzt.

Mikroaggressionen sind nachweislich eine im Arbeitsalltag unterschätzte Gefahr. Sie untergraben die Firmenkultur. Sie unterminieren jede Teamarbeit. Ausgrenzung im Arbeitsalltag führt im Ergebnis zum Verlust einer oft wertvollen Arbeitskraft, denn wer bleibt schon gerne einem Unternehmen erhalten, dem er sich nicht zugehörig fühlen kann. Sie sind daher der größte Feind einer inklusiven Arbeitskultur.

Solche Mikroaggressionen verstecken sich oft hinter vermeintlichen Komplimenten: „Du sprichst aber toll Deutsch. Aus welchem Land kommst Du?“ oder „Für eine Frau kennst Du Dich aber ganz super in diesem Bereich aus.“

Oder sie treffen gleich ganz massiv weit unter der seelischen Gürtellinie: „Schaffen Sie das, oder soll das ein Mann
machen?“ oder „Da schicken wir einen jungen Kollegen hin, der in social media fit ist.“
Oder sie werden gar nicht ausgesprochen: In einer Besprechung diskutieren Teilnehmer zu einem bestimmten Thema. Ein Teilnehmer wird bewusst ignoriert, dessen Einwürfe und Kommentare zum Thema werden einfach übergangen.

Mit Mikroaggressionen ist stets eine systematische und institutionalisierte Diskriminierung verbunden. Mikroaggressionen sind Werkzeuge, die regelmäßig von dominierenden Gesellschaftsgruppen benutzt werden und sie zeigen die Vorurteile auf, die in der Mehrheitsgesellschaft existieren. Nicht selten wird die Person, die eine Mikroaggression erfährt, als „hypersensibel“ eingestuft, womit die Mikroaggression dann ihre vermeintliche Berechtigung erfährt.

Die Zeit-Journalistin Vanessa Vu beschreibt ihr Gefühl in Bezug auf eine Mikroaggression über die Wo-kommst du-her-Frage so: „Man kann sich das wie Nadelstiche vorstellen: Ein Pikser verletzt kaum, aber alle paar Tage gestochen zu werden, macht die Haut wund. Und niemand bringt Salbe. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, was er oder sie für mich tun kann. Die Leute beschweren sich stattdessen über meinen Schmerz, etikettieren ihn als Diskursunfähigkeit und reden darüber, wie sie es gemeint haben.“

Damit solche Pikser nicht zum Wundbrand werden, müssen sie angesprochen werden. Im besten Fall nicht von der Person, die die Mikroaggression erfährt, sondern von Kolleginnen und Kollegen aus dem Umfeld. Es ist nicht hilfreich, den Aggressor anzugreifen, vielmehr ist die Mikroaggression offen anzusprechen und zwar mit dem Ziel, dass es zu einer Klärung und einer echt gemeinten Entschuldigung des Aggressors gegenüber der betroffenen Person kommt. Hört sich doch einfach und fast unproblematisch an!

Aber denken Sie zum Beispiel nach, wo und wann Sie sich regelmäßig im Partnerkreis Ihrer Anwaltskanzlei treffen. Könnte Zeit oder Ort bestimmte Kollegen oder Kolleginnen ausgrenzen? Dazu erzählte mir kürzlich eine Kollegin, die vor einem Jahr die einzige Frau in dieser Anwaltspartnerschaft war, dass sich jedem Partnermeeting, an dem sie teilgenommen hatte, regelmäßig ein Saunaabend angeschlossen hat. Später fand sie heraus, dass gerade beim Saunaabend die wirklichen inner core Themen betreffend die Partnerschaft und die Kanzleistrategie besprochen wurden. Ihr war es begreiflicherweise nicht sonderlich angenehm, sich einem solchen Saunaabend unter Männern anzuschließen.

Mikroaggressionen, wie und wo sie uns in Rechtsberufen ganz besonders schaden und wie wir ihnen professionell beikommen können, sind nicht nur Thema der Dritten Internationalen Konferenz der Initiative Women in Law – Frauen im Recht www.womeninlaw.info vom 15. – 17. September 2022, sondern auch ein Kernthema der Women In Law Lehrveranstaltungen an der Universität Wien, der WU Wien und der Universität Graz.


Die Autorin:
Gründerin der Alix Frank Rechtsanwälte GmbH in Wien, spezialisiert auf M&A, Gesellschaftsrecht, Restrukturierungen,
Europäisches Vertragsrecht etc. diverse Funktionen in der Standesvertretung national und international.
Gründerin und Obfrau des Vereins „Women in Law“