Dresscode für Anwälte?

 

Bernhard Roetzel

studierte Grafik-Design in Hannover und arbeitete als Werbetexter, PR- Berater und Drehbuchautor in Hamburg, Frankfurt und Köln. Seit 1998 ist er freier Journalist und Autor und schreibt über klassische Mode, Benimmfragen und handgemachte Kleidung. Roetzel veröffentlichte zahlreiche Bücher, am bekanntesten ist sein Bildband „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Dieses Buch gilt

als anerkanntes Standardwerk für klassische Herrenmode und wurde bisher in 21 Sprachen übersetzt. Bernhard Roetzel hält Vorträge, Workshops und

Tages-Seminare zu einer Reihe von Themen rund um die Bekleidungskultur, z. B. über Business-Dresscodes, Berufskleidung für Einsteiger und Aufsteiger und

Business-Etikette. http://www.bernhardroetzel.de/

http://www.der-feine-herr.blog/

BEKLEIDUNG. Zu gut angezogen? Zu schlecht angezogen? Gibt es das „klassische“ Outfit für den Anwalt? Wir fragen den deutschen Stilexperten Bernhard Roetzel, ob es Regeln bzw. Fehler gibt, die man vermeiden sollte.

 

 

Wie würden Sie aus modischer Sicht den Anwaltsstand im deutschsprachigen Raum beurteilen?

Bernhard Roetzel: Ausgehend von meiner persönlichen Beobachtung würde ich den Anwaltsstand als sehr unterschiedlich beurteilen. Es gibt Anwälte, die diesen klassischen Stil repräsentieren, auch Jus-Studenten fallen immer noch mit den „klassischen“ Barbour-Jacken auf. Bei meinen Freunden und Lesern, zu denen auch viele Anwälten zählen, beobachte ich, dass sie ihre „klassische gute Kleidung“ eher sehr zurückhaltend tragen und diesen Stil auch eher im Verborgenen ausleben. Die Mehrheit befolgt die allgemein anerkannten Dresscodes,

geht dabei aber nicht in die Tiefe, der klassische Stil wird nicht weiter kultiviert. Viele Anwälte ziehen sich nur mehr für bestimmte Termine entsprechend an, während sie in der Kanzlei ein Polohemd zu Jeans tragen und dabei weitgehend ein sehr legerer Stil gepflegt wird.

 

Welche Bedeutung hat klassische Mode heute noch in einem traditionsreichen Berufsstand wie bei Rechtsanwälten?

Bernhard Roetzel: Klassische Kleidung hat in diesem Bereich nach wie vor eine große Bedeutung. In bestimmten Situationen wird ein gewisser Stil von Anwälten ja auch immer noch erwartet. Die klassische Kleidung, also förmliche Kleidung mit Anzug und Krawatte, hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch so weit von normaler Kleidung entfernt, dass das „Klassische“ mehr und mehr wie eine Verkleidung wirkt.

 

Worauf, würden Sie sagen, ist dieser stilistische Wandel zurückführen?

Bernhard Roetzel: Diese Prioritätenverschiebung begann in den 1960er Jahren, als Leute ihr Geld vermehrt in ein eigenes Autos investierten. Viele junge Leute haben heutzutage kein Interesse mehr an einem eigenen Auto, man investiert lieber in ein Smartphone. Dieser modische Wandel dokumentiert auch einen gesellschaftlichen und soziologischen Wandel, der nach dem ersten Weltkrieg und mit Abschaffung der Monarchie begann. Wenn man heute Bilder aus den 1940er Jahren betrachtet, erkennt man ebenfalls einen klaren modischen Bruch zwischen den Generationen. Die jungen Leute trugen schon in den 1940er Jahren keinen Hut mehr, man tauschte das Sakko gerne gegen ein Blouson, vieles wurde einfach lockerer.

 

Wie entscheidend würden Sie sagen, ist der richtige Stil für eine beruflich erfolgreiche Karriere?

Bernhard Roetzel: Ein guter Freund ist in der Immobilienbranche tätig; einer seiner besten Verkäufer hatte einen furchtbaren Stil mit Kurzarm-Hemd und Goldkette. Trotzdem war dieser Mann der beste Verkäufer. So jemandem zu sagen „Du machst etwas verkehrt“, ist natürlich schwierig. Sein Rezept war: „Wenn ich meine

Immobilien-Produkte in einer Bank verkaufe, erwartet niemand, dass ich so gekleidet bin, wie ein Banker. Die erwarten das klischeehafte, schlecht angezogene.“ Bei Vorträgen vor Studenten und Uni-Absolventen pflege ich dennoch zu sagen: „Es kann wenigstens nicht schaden.“ Voraussetzung für einen individuellen Stil ist, dass er zu dem passt, was ich darstellen möchte und darstellen sollte in meiner Position. Stil ist ein Faktor, den man jedenfalls

nicht vernachlässigen sollte.

 

Würden Sie Wien auch als Modehauptstadt für klassische Herrenmode bezeichnen?

Bernhard Roetzel: Die Bedeutung Wiens ist jedem Franzosen oder Italiener klar, nur in England herrscht eine gewisse Ignoranz gegenüber alledem, was nicht aus England kommt. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Städten zählt der klassisch gut gekleidete Mann in Wien zum Stadtbild. Bei Veranstaltungen, Bällen und Konzerten zeigt sich, wie diese klassische Mode kultiviert und bewahrt wurde.

 

Welche Kleidungsstücke und Accessoires zählen Ihrer Meinung nach zur unverzichtbaren Grundausstattung eines gut sortierten Kleiderschranks?

Bernhard Roetzel: Ein dunkler Anzug, ein Tweed-Sakko und ein Sport-Blazer. Ein leichter Mantel (Trenchcoat), ein paar gute Hemden. Ein Paar schwarze Oxford Schuhe, ein Paar dunkelbraune Raulederschuhe. Und ein Smoking – den sollte man haben und nicht darauf warten, dass der Anlass dafür kommt. Für die Freizeit ein paar 

Pullover – that’s it!

 

Herr Roetzel, vielen Dank für das Gespräch!