Grundrechte als nostalgische Sentimentalität?

Daniel Zipfel, „Eine Handvoll Rosinen“ ist sein erster Roman, der mit der Buchprämie der Stadt Wien und des BKA ausgezeichnet wurde.

Verlag Kremayr & Scheriau, Daniel Zipfel

Eine Handvoll Rosinen


 

DOPPELLEBEN. Tagsüber bearbeitet er als Jurist Asylfälle, am Abend schreibt er Romane. Der in Freiburg geborene, in Wien lebende Daniel Zipfel folgt den Spuren großer Namen wie Goethe, Gottfried Keller, Ferdinand von Schirach oder Juli Zeh: Kreativität auf dem soliden Fundament der präzisen juristischen Sprache.

 

Bei unserem Gespräch dauert es eine Weile, bis Daniel Zipfel aus der Reserve kommt. Ich will wissen, ob er an diesem Tag als Asyljurist schon etwas erlebt hat, was ihm nahe gegangen ist. Die Geschichte, die er zögernd erzählt, ist in der Tat schlimm: Eine Dame aus Indien berichtete ihm am Vormittag, dass ihr (ebenfalls aus Indien stammender) Mann heute noch abgeschoben wird, da er – im Gegensatz zu ihr – keinen Aufenthaltstitel besitzt. Die besondere Tragik liegt darin, dass die vierjährige Tochter des Ehepaares krebskrank ist. Der Vater, der mit kleinen Hilfsarbeiten ein Zubrot verdient hat, betreute die Tochter. Die Mutter finanziert die Familie durch einen Vollzeitjob. Die Chancen, die Abschiebung zu verhindern, liegen bei Null, sagt der Asyljurist.

 

Der Gerichtssaal liefert Fälle

Ob aus diesem Fall eines Tages Literatur wird kann nicht gesagt werden. Dass Vorgänge bei Gerichten und Behörden immer wieder Anregung für Autoren waren, weiß man spätestens seit Goethe. Daniel Zipfel weist auf den „Faust“ hin, in dem es einen Kindsmörderinnenprozess gibt. Die Vorlage dazu hat sich Goethe in einem real durchgeführten Prozess geholt, an dem er selbst als Jurist beteiligt war. Für die Ö1-Morgenserie „Gedanken zum Tag“ stellte Daniel Zipfel eine Reihe prominenter Schriftsteller vor, deren Brotberuf die Juristerei war: Goethe, wie bereits erwähnt; Franz Kafka, der Versicherungsjurist, Gottfried Keller, der Verwaltungsjurist oder Ferdinand von Schirach, dessen Erlebnisse und Erfahrungen als Strafverteidiger als Grundlage für viele interessante Erzählungen dienten.

Auch der Autor des 1995 erschienenen Weltbestsellers „Der Vorleser“ ist Jurist: Bernhard Schlink arbeitete von 1982 bis 2009 an verschiedenen deutschen Hochschulen als Universitätsprofessor mit Schwerpunkt Öffentliches Recht. 

Daniel Zipfel stellt anhand des Doppellebens von Juristen und Autoren fest, dass kaum eine bessere 

Geschichten-Quelle als die Rechtsprechung existiert: „Es gibt wenige Berufe, wo man mit dermaßen existentiellen Fällen zu tun hat.“ Dazu ein Zitat Ferdinand von Schirachs: „Menschen gehen auf dünnem Eis“.

 

Der Mensch auf dünnem Eis

„Der Gang auf ein Schlauchboot kann so eine Situation sein“ meint der Autor, und kehrt damit in seine Rolle als Asyljurist zurück. Die Anspielung auf den öffentlichen Diskurs zum Thema Flüchtlingsbewegung ist nicht zu überhören. Seine tägliche Arbeit in der Beratung von Migranten sieht er mehrfach unter Druck. Zum einen „werden Grundrechte als nostalgische Sentimentalität angesehen“, zum anderen sei es hochproblematisch, dass die schwarz-blaue Regierung beschlossen habe, die Rechtsberatung von Asylsuchenden von Nichtregierungsorganisationen ins Innenministerium zu übersiedeln: „Die Rechtsberatung des Ministeriums wird kontrolliert durch das Ministerium, das gleichzeitig die Verfahren führt.“ Ebenfalls bedenklich findet er, mit welcher Hektik ständig novelliert wird: „Menschenrechte sind dafür gemacht, dass sie Mehrheiten überdauern. Dieses Bewusstsein fehlt momentan.“ Wie er als Schriftsteller mit dem Thema umgeht zeigt sein Roman „Eine Handvoll Rosinen“, in dem er einen Fremdenpolizisten beschreibt, der auf die Gesetze vertraut, bis er auf eine andere Art von Ordnung gestoßen wird. Die Kunstsek tion des Bundeskanzleramtes hat ihn „als besonders gelungenes Debüt 2015“ ausgezeichnet.