Die Stimme der Frau in der Anwaltschaft:

"Die NEUNTE Rechtsanwältin"

DR. ALIX FRANK-THOMASSER
DR. ALIX FRANK-THOMASSER

 

 

 

Vor ein paar Tagen ist die emeritierte Kollegin Frau Dr.  Elfriede Schrötter in ihrem 100. Lebensjahr verstorben. Vor 100 Jahren hat 1921 Dr. Marianne Beth als erste Frau in  Österreich zum Doktor iuris promoviert. Sie wurde dann 1928 auch als erste Frau und Rechtsanwältin in die Liste der Rechtsanwälte in Wien eingetragen.

 

Frau Kollegin Dr. Schrötter schaffte trotz aller widrigen Umstände im zweiten Weltkrieg und der Verfolgung ihrer Familie in der NS-Zeit 1942 ihren Studienabschluss. Im Herbst 1945 fand sie bei dem bekannten Rechtsanwalt und Strafverteidiger Dr. Michael Stern eine Ausbildungsstelle als Rechtsanwaltsanwärterin. 1950 absolvierte sie die Anwaltsprüfung und wurde als „neunte“ Frau in der Anwaltschaft in die Liste der Rechtsanwälte in Wien eingetragen.

 

Das war keine Selbstverständlichkeit: Töchter aus gutem Hause blieben trotz absolviertem Studium zu Hause: „…… man war nun mal nicht berufstätig…!“ Von ihrem Beruf als Rechtsanwältin sprach sie immer als Berufung. Nach fünf Jahren Ausbildungszeit und zwei Jahren als Substitutin bei Rechtsanwalt Dr. Michael Stern entschied sie sich, ihr Berufsleben auf eigene Beine zu stellen und eröffnete zunächst in der Wohnung ihrer Mutter ihre eigene Kanzlei. Sie entwickelte sich zu einer erfolgreichen Scheidungsanwältin und einer überzeugten „Einzelkämpferin“. Mehr als 7000 Scheidungen verbunden mit einer Vielzahl aller damit zusammenhängenden Nebenprozesse im streitigen wie im außerstreitigen Verfahren gingen über ihren Schreibtisch. Ein erfülltes Anwaltsleben!

 

Die Rechtsanwaltskanzlei Dr. Michael Stern in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts beschrieb sie als Wiener „Großkanzlei“: 14 Juristen, 14 Schreibkräfte, 1 Kanzleileiterin, 1 Privatsekretärin, 1 Bedienerin, 1 Bote zum Austragen für die Post im 1. Bezirk in Wien, 1 Chauffeur. Und sie sprach von überaus kollegialer Zusammenarbeit unter den Juristen der Kanzlei: Neben der juristischen Facharbeit auch mit der täglichen Einteilung der Gerichtsverhandlungen befasst (immer rund 30 Verhandlungen täglich), befand sie sich durchaus gelegentlich in Zeitnot, wenn dann auch noch ungeplante Aufgaben auf sie zukamen. So sprach sie noch in ihrem 100. Lebensjahr von besonders netten Kollegen, die durchaus mal bereit waren, ihr die Ausarbeitung einer sogenannten „Rotfrist“ abzunehmen oder die sie im Gegenzug fachlich unterstützte, wo es ging.


Waren es zwischen 1967 und 1986 zwischen 4,3 bis 7,22 Prozent Frauen in der Anwaltschaft, so stehen wir mit Ende 2019 bei einem Frauenanteil von rund 23 Prozent in Österreich. Der unbestreitbar große Frauenanteil von rund 50 Prozent unter den österreichischen Rechtsanwaltsanwärtern hat in den letzten Jahren zu einem sukzessiven Umdenken in den heutigen größeren Kanzleien Österreichs geführt: Wer gut qualifizierte juristische Mitarbeiter auf lange Sicht haben will kann sich auch auf Partnerebene den Frauen in der Anwaltschaft nicht verschließen. Vor allem internationale Klienten fordern zunehmend eine breite Diversität auf Partnerebene ein. Die zunehmende CSR-Diskussion in den größeren Unternehmen Österreichs wird auch zum Thema „mehr Frauen in Führungsgremien“ dementsprechende Entwicklungen bei den Beratern dieser Unternehmen zeitigen müssen. Alles in Allem nicht so schlechte Aussichten für eine Erhöhung des Frauenanteils in der Anwaltschaft.


Damit Frauen auch in Anwaltspartnerschaften in Österreich und international sichtbarer werden, sind allerdings noch einige Diskussionen zu führen, ob nun gesellschaftspolitisch oder im Kontext des Partnervertrages der einzelnen Kanzlei. Als ich als Rechtsanwaltsanwärterin vor mehr als 30 Jahren vor meinem ersten Chef in der täglichen Postsitzung saß, musste ich mir auch beim allerkleinsten Fehler vor versammelter Mannschaft so motivierende Aussprüche wie „…..Sie liebe Kollegin werden uns ja als Frau in unserem Berufsstand sicher nicht lange erhalten bleiben…..“ gefallen lassen. Auch wenn derartig offen vorgetragene Vorurteile heute wohl nicht mehr so verbreitet sind, fehlt es in Österreichs Mehrpartnerkanzleien weitgehend an einem selbstverständlichen Umgang mit einem primär auf Neigung und Fähigkeit beruhenden Partnerrollenbild. Erfolgreich gelebte Diversität in einer Anwaltskanzlei muss aber ein Partnerrollenbild entwickelt haben, das primär die Neigung und Fähigkeit der einzelnen Rechtsanwältin und des einzelnen Rechtsanwaltes berücksichtigt und unterschiedliche Lebens- und Berufsphasen ganz selbstverständlich in dieses Rollenbild zu integrieren weiß. Genau dies hat der Partnervertrag der Anwaltskanzlei auch zu spiegeln.

 

Die Initiative Women in Law – Frauen im Recht www.womeninlaw.info wird sich im Rahmen der Zweiten Internationalen Konferenz vom 9. bis 11. September 2021 gerade auch mit dem Thema der Rollenteilung in einer divers angelegten Anwaltskanzlei befassen, vor allem auch wie Rollen von allen beteiligten Partnern und Partnerinnen ganz selbstverständlich ausverhandelt und damit von einer Anwaltspartnerschaft getragen werden können.

 

Die Autorin: Gründerin der Alix Frank Rechtsanwälte GmbH in Wien, spezialisiert auf M&A, Gesellschaftsrecht, Restrukturierungen, Europäisches Vertragsrecht etc. diverse Funktionen in der Standesvertretung national und
international. Gründerin und Obfrau des Vereins „Women in Law“