(Fotos: Stefan Seelig/Photography)
(Fotos: Stefan Seelig/Photography)

Rechtsanwalt Dr. Johannes P. Willheim war bereits viermal am Cover unseres Magazins:


2007 zur Gründung der Kanzlei Willheim Müller, 2009 mit ersten Partnern, 2012 mit weiteren Partnern in der Wiener Rockhgasse und 2013 solo mit dem Thema „Smart Conflict Management“.

 

Seit 7 Jahren arbeitet er bei JONES DAY als internationaler Schiedsgerichtsanwalt rund um die Welt. 2021 treffen wir uns Coronabedingt
in einer Privatwohnung.

 

ANWALT AKTUELL: Herr Dr. Willheim, ist Ihnen Wien zu klein geworden?

 

Dr. Johannes P. Willheim: Nein gar nicht, mein Wechsel zu Jones Day Anfang 2015 war eine logische Weiterentwicklung. Meine Fälle im Bereich der Schiedsgerichtsbarkeit wurden immer internationaler, größer und komplexer. Ich stand vor der Entscheidung trotz Spezialisierungen, die nicht auf Österreich beschränkt waren, wie etwa in den Bereichen Oil & Gas, Life Sciences, Aviation, Construction & Engineering, weiterhin in einem eher lokalen und allenfalls regionalen Marktsegment zu bleiben oder aber den Sprung in den globalen Markt für high-stake internationale Schiedsfälle zu wagen. Jones Day bot mir diese Chance. Die Herausforderung war groß, denn auf einmal musste ich mich gegenüber den großen Namen der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit behaupten. Jones Day hat mich dabei mit der herausragenden internationalen Reputation der Kanzlei, einer eingespielten Plattform und einer einzigartigen Partnerschaftsstruktur und Unternehmenskultur unterstützt. Heute lebe ich meinen beruflichen Traum. Aus unseren Büros in Frankfurt, Paris und London vertrete und berate ich Mandanten aus aller Herren Länder in Schiedsverfahren „um den Globus“. Auch die Benennungen als Schiedsrichter in internationalen Schiedsverfahren haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Dabei habe ich den Bezug zu meiner Heimat nicht verloren. Abgesehen davon, dass sich ja auch Wien als international anerkannter Schiedsort etabliert hat, vertrete ich nach wie vor in- und ausländische Mandanten vor österreichischen Gerichten und Behörden. Außerdem begleite ich zahlreiche österreichische Mandanten international. Für viele österreichische Mandanten bin ich zu einer Vertrauensperson in der Koordinierung ihrer internationalen rechtlichen Angelegenheiten, die eine Betreuung durch eine internationale Großkanzlei wie Jones Day erfordert, geworden. Das gilt vor allem für die USA, wo Jones Day zu den führenden Kanzleien mit dem dichtesten Netz an Büros zählt.

 

ANWALT AKTUELL: Neben Ihrer Tätigkeit als Schiedsgerichts-Anwalt sind Sie mittlerweile auch Universitätslehrer. Wie hat sich denn das ergeben?

 

Dr. Johannes P. Willheim: Ich hatte immer eine Leidenschaft für das Vortragen und Lehren. Dabei geht es mir weniger um trockene Wissensvermittlung, sondern darum selbständiges, kritisches und lösungsorientiertes Denken zu lehren und, mehr noch, zu inspirieren. Juristisches Arbeiten wird gerne stereotyp als seelenlose und nahezu technokratische Wissensarbeit abgetan und Juristen werden gerne als grau und unkreativ stigmatisiert. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Klar, juristisches Wissen ist eine notwendige Grundlage für die Berufsausübung.

 

Entscheidend für den Erfolg, vor allem als Anwalt, sind aber analytische und kritische Denkfähigkeit, Kreativität, menschliche Reife und Größe sowie die Fähigkeit sich immer wieder selbst zu motivieren; auch dann, wenn es einmal nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Vor allem in Europa beschränkt sich unsere Ausbildung immer noch auf reine Wissensvermittlung und leider auch nicht auf Augenhöhe zwischen Lehrenden und Studenten.

 

In meiner Lehrtätigkeit verlagere ich den Schwerpunkt. Ich habe damit schon sehr früh mit Vorträgen zu Themen, wie „Was haben Konzipientinnen und Konzipienten mit Spitzensportlern und Musikern gemeinsam?“, begonnen. Dabei ging es mir darum zu vermitteln, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist und dass das Lernen zu scheitern und Ausdauer zum Erfolg führen. Bei mir war es zumindest so. Meine Leidenschaft vorzutragen und zu lehren hat mir über die Jahre ganz nebenbei und unerwartet Möglichkeiten eröffnet, die ich mir nicht erträumt hätte. Was in Wien mit Vorträgen im Rahmen der Karrieremesse am Juridicum und Vorlesungen zur internationalen Schiedsgerichtsbarkeit bei den ersten Editionen der „ELSA Vienna Dispute Resolution Sommerschool“ begann, hat zu Engagements als Universitätslektor und Keynote Speaker auf der ganzen Welt geführt.

 

Mittlerweile halte ich Vorlesungen unter anderem am Straus Institute for Dispute Resolution der Pepperdine University in Kalifornien, der University of Chicago Law School, dem LL.M. Programm für internationale Schiedsgerichtsbarkeit am Juridicum in Stockholm und der an der Peking University. Es erfüllt mich, dass ich so viele Studenten und Studentinnen auf der ganzen Welt unterrichten konnte und, wenn es die Zeit erlaubt, möchte ich gerne mehr für sie machen. Ich plane derzeit zum Beispiel einen Podcast für die nächste Generation, „LegalUp!“.

 

ANWALT AKTUELL: Ihr neuestes Konzept nennt sich „Integrated Dispute Management“. Wie unterscheidet es sich von bereits Vorhandenem?

 

Dr. Johannes P. Willheim: Die Idee ist gar nicht so neu. Es ist die Weiterentwicklung von meinem „Smart Conflict Management“, worüber Sie ja schon einmal berichtet haben. Es handelt sich dabei um einen gesamtheitlichen Zugang, in dem traditionelle Methoden des Konfliktmanagements und der Konfliktlösung mit analytischen Tools und Projektmanagement zu einem Gesamtkonzept verbunden werden. Ziel ist die systematische und damit von Dritten leicht nachvollziehbare und wiederholbare Strategieentwicklung und deren Implementierung. Vereinfacht geht es um das „Was?“, „ Warum?“ und „Wie?“ und wie man all das in einem Gesamtkonzept verbindet. Unser Zugang zum Konfliktmanagement ist heute ja noch sehr von den konventionellen Methoden, wie Gerichts- oder Schiedsverfahren oder bestimmte ADR-Verfahren, determiniert.

 

Wir zwängen einzelne Konflikte in eine dieser meistens bereits im Voraus festgesetzten Methoden und beschränken unseren Fokus auf die Konfliktbearbeitung im Rahmen dieser Methode. Häufig wird dabei zu wenig bedacht, dass keine Methode für die Bearbeitung sämtlicher Konflikte optimal ist und dass die Ergebnisse, die mit einer bestimmten Methode erreicht werden können, beschränkt und nicht selten für sämtliche Beteiligten nicht ideal sind. „Integrated Dispute Management“ beginnt bei dem Konflikt und dessen Ursache sowie der Definition der Ziele, die mit dem Konfliktmanagement und der Konfliktbearbeitung erreicht werden sollen und realistisch auch erreicht werden können. Erst dann werden die einzelnen Methoden und Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele definiert und umgesetzt.

 

Der Konflikt und seine Ursache sowie die definierten Ziele bestimmen im Idealfall also die Methode und Einzelmaßnahmen und nicht umgekehrt die Methode, das letztendlich erreichbare bzw. erreichte Ziel. „Integrated Dispute Management“ macht sich zu diesem Zweck Entscheidungsmodelle, das rasant wachsende Angebot an analytischen Tools, wie etwa Prozessrisikoanalysesoftware oder auf Big Data basierende Prognose-Tools, sowie Projektmanagement-Tools zu nutze. Es verbindet sie zusammen mit den konventionellen Methoden des Konfliktmanagements und der Konfliktbearbeitung zu einem Gesamtkonzept für den Einzelfall. Damit leistet es einen Beitrag zu besseren Entscheidungsprozessen durch maßgeblich erhöhte Transparenz, gezielter Prozesssteuerung und letztlich zu mehr Effizienz und Effektivität. Damit wird es heutigen Anforderungen an Konfliktmanagement und Konfliktbearbeitung gerecht.

 

Es schafft auch die Basis für eine neue Berufsgruppe, nämlich die „Dispute Manager“, deren Tätigkeitsschwerpunkt in der Strategieentwicklung sowie Koordinierung und Überwachung des Konfliktmanagements liegen wird und nicht bei der Implementierung von Einzelmaßnahmen, wie etwa der Prozessvertretung, die nach wie vor bei Spezialisten, wie Anwälten, bleiben wird.

 

AA-Herausgeber Dietmar Dworschak im Gespräch mit Dr. Johannes P. Willheim. Als Anwalt betreut er für JONES DAY österreichische und internationale Klienten in Schiedsgerichtsverfahren auf der ganzen Welt. (Fotos: Stefan Seelig/Photography)
AA-Herausgeber Dietmar Dworschak im Gespräch mit Dr. Johannes P. Willheim. Als Anwalt betreut er für JONES DAY österreichische und internationale Klienten in Schiedsgerichtsverfahren auf der ganzen Welt. (Fotos: Stefan Seelig/Photography)

 

ANWALT AKTUELL: Zum Thema „Integrated Dispute Solution“ planen Sie ein Summit. Wann wird das sein?

 

Dr. Johannes P. Willheim: Geplant ist ein erster Summit in diesem Jahr. Corona-bedingt wird das wohl ein virtueller Event. Vordenker zur Zukunftsentwicklung traditionell anwaltlicher sowie von ADR Dienstleistungen, Vertreter aus progressiven Rechtsabteilungen und führender akademischer Institutionen konnten bereits gewonnen werden. Der Summit soll jährlich institutionalisiert werden und eine Basis für den Gedankenaustausch und die Weiterentwicklung des Konzepts schaffen. Zusätzlich soll es Lehrgänge, Master Classes und Zertifizierungsprogramme geben und vielleicht einmal sogar einen „Master in Integrated Dispute Management“.

 

ANWALT AKTUELL: Bedeutet die Konzentration auf diese akademische Arbeit für Sie den Abschied von der aktiven Schiedsgerichtsbarkeit?

 

Dr. Johannes P. Willheim: Nein, absolut nicht. Ich liebe meine Arbeit und möchte noch sehr lange im Bereich der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit arbeiten. Ich lerne nach wie vor noch jeden Tag dazu. Ich spüre auch wie ich mit meiner langjährigen Berufserfahrung in den Fällen, an denen ich als Parteienvertreter oder Schiedsrichter arbeite, einen Beitrag zur Rechtsfindung und Rechtspflege leisten kann. „Integrated Dispute Management“ ist ein Teil meines Berufszugangs und ich werde meine Erfahrungen laufend in dieses Konzept einfließen lassen. Ich hoffe aber vor allem, dass es Anstoß für eine neue Disziplin geben wird und durch die Beiträge aller, die sich dafür begeistern, einen neuen Standard für das Konfliktmanagement und die Konfliktbearbeitung schaffen wird.

 

Herr Dr. Willheim, danke für das Gespräch.

Mit seinem Konzept des „Integrated Dispute Managements“ entwirft Dr. Johannes P. Willheim den Zukunftsberuf des „Dispute Managers“ und verspricht „neue Effizienz für Risiko- und Konfliktmanagement“. (Fotos: Stefan Seelig/Photography)
Mit seinem Konzept des „Integrated Dispute Managements“ entwirft Dr. Johannes P. Willheim den Zukunftsberuf des „Dispute Managers“ und verspricht „neue Effizienz für Risiko- und Konfliktmanagement“. (Fotos: Stefan Seelig/Photography)

Jones Day
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