"Der Lawyer-Linguist unter den Rechtsanwälten"

FRANZ J. HEIDINGER | Foto: Fotostudio Huger, Wien
FRANZ J. HEIDINGER | Foto: Fotostudio Huger, Wien

Rechtsanwalt Prof. Franz J. Heidinger, LL.M. (Virginia) ist seit über einem Vierteljahrhundert als Partner der Alix Frank  Rechtsanwälte GmbH erfolgreich in Wien tätig. Die meisten BerufskollegInnen kennen ihn aber aufgrund seiner langjährigen universitären Ausbildungstätigkeit auf dem Gebiet des angloamerikanischen Rechtssystems und der angloamerikanischen Rechtssprache, die vielen JuristInnen das Tor zur Welt geöffnet hat. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

 

ANWALT AKTUELL: Herr Professor Heidinger, wie kommt man als Rechtsanwalt zu so einer Aufgabe?


Franz J. Heidinger: Nach meinem Jusstudium und jenem der Anglistik und Amerikanistik ging ich in die Vereinigten Staaten, wo ich als Fulbright Scholar ein LLM Studium an der Univ. of Virginia absolvierte. Nach meiner Rückkehr beschloss ich eine klassische Anwaltsausbildung zu machen, aber auch die von mir erworbenen fachlichen wie sprachlichen Kenntnisse in etwas Neues umzuwandeln. Die von mir entwickelten Kurse „Englisch für Juristen“ begannen bescheiden und wuchsen aufgrund der damals einsetzenden intensiven Nachfrage für internationale Sachverhalte schnell. Aus den ersten Kursen entwickelte sich ein Programm, welches sich heute fix in den Lehrplänen der größten juristischen Fakultäten wiederfindet. Studierende können heute über zumindest sechs Semester einschlägige Kurse zum Thema Angloamerikanische Rechtssprache besuchen. Dieses Lehrmodell zeichnet sich dadurch aus, dass unsere Studierenden Angewandte Rechtsvergleichung (Applied Comparative Law Approach) erleben. Jedes Fachgebiet (und davon decken wir derzeit 19 ab) wird aus US-amerikanischer, britischer/englischer, deutscher und österreichischer Sicht einführend erarbeitet und so lernen die TeilnehmerInnen die Fachsprache auf höchstem Niveau kennen und beherrschen und das immer im passenden fachlichen Kontext.


ANWALT AKTUELL: Sind das rein universitäre Kurse und Ausbildungsprogramme oder bieten Sie das auch für Berufs-PraktikerInnen an?


Franz J. Heidinger: Von Anfang an war ich immer danach bestrebt, nicht nur den juristischen Nachwuchs auf den Universitäten auszubilden und zu fördern, sondern auch BerufspraktikerInnen. Seit über 30 Jahren unterrichte ich RechtsanwältInnen und AnwärterInnen aber auch FachsprachexpertInnen, da für mich die praktische Seite meiner Wissensvermittlung immer genauso wichtig war wie die theoretische, was von den TeilnehmerInnen aber immer sehr geschätzt wurde. Für Studierende ist es interessant zu lernen, was die Berufswelt offeriert und braucht, für Praktiker ist es auch wichtig, ein belastbares theoretisches Konzept als Grundlage zu haben. Natürlich haben wir unsere Lehrmittel, Fachbücher und Unterrichtsmethoden über die 30 Jahre ständig weiterentwickelt und auch neu erfunden. Unsere Standardlehrwerke (Angloamerikanische Rechtssprache Band I – IV) sind nunmehr bei LexisNexis und C.H. Beck in einer neuen Generation erschienen unter dem Titel The Practitioners‘ Guide to Applied Comparative Law and Language. Sowohl unsere Publikationen wie auch unsere Lehrmodelle finden nicht nur in Österreich, sondern auch international viel Anklang. Anfragen reichen bereits bis nach Russland und Frankreich.


ANWALT AKTUELL: Wie viele JuristInnen haben denn schon Ihre Kursprogramme absolviert? Und was können JuristInnen heute machen, um für den internationalen Rechtsmarkt fit zu sein?

 

Franz J. Heidinger: In den vergangenen 33 Jahren haben über 15.000 TeilnehmerInnen meine/unsere Kurse absolviert und sich dabei auch ein Stück weit für die Welt geöffnet. Viele sind in die Welt gezogen, wurden Anwälte in den USA, im UK, arbeiten für internationale Organisationen oder internationale Law Firms. Viele sind aber auch in die Politik und Verwaltung gegangen, wurden RichterInnen und sind in der Lehre geblieben. Die Internationalisierung hat sehr vielen geholfen und wird auch in Zukunft ein wichtiger Garant für den Erfolg sein. Wir bieten daher unsere Kurse weiterhin universitär an und hoffen,  dass weitere Universitäten – insbesondere im deutschen Sprachraum – unsere Lehrmethode übernehmen. Auch für post-graduale Ausbildungen ist unsere Lehrmethode hervorragend geeignet, da sie sich sowohl in der Breite (Anzahl der Fachgebiete) wie auch in der Tiefe der Ausbildung beliebig anpassen lässt. Studierende, die während ihrer Universitätsausbildung keine Gelegenheit hatten, unsere Kurse zu besuchen, aber auch BerufspraktikerInnen die später eine Zusatzausbildung wünschen, können dies nunmehr einfach nachholen durch Teilnahme an unseren Kursen zur  Vorbereitung auf das Vienna Legal Language Proficiency Certificate (Vienna LLP) (www.vienna-llp.com). Besonders beliebt ist
unser nunmehr auch online angebotener Vienna LLP Fast Track Kurs, der es ermöglicht, in nur einem Semester (17 Abende) die wesentlichen Inhalte nachzuholen, die sonst über sechs Semester gelehrt werden. Der nächste Fast Track Kurs startet am 2. September 2021. Ansonsten empfehle ich natürlich den Gang ins Ausland, sei es zum Studium, sei es für einige Monate als Intern.

 

ANWALT AKTUELL: Wie ist Ihre Lehrtätigkeit vereinbar mit Ihrer Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt, die ja bekanntlich auch nicht unterfordernd ist?

 

Franz J. Heidinger: Das ist eine gute Frage. Da rund 80 % meiner Arbeit in der Kanzlei einen Auslandsbezug haben oder zumindest in englischer Sprache abgewickelt werden, ergänzen sich die beiden Welten ganz gut. Aber natürlich lässt sich ein so großer externer Einsatz mit einer Wirtschaftskanzlei nur vereinbaren, wenn man dafür die notwendige Leidenschaft hat und die Partnerschaft diese Leidenschaft auch versteht und als nützlich ansieht.