Europa erledigt sich selbst

Während man quer durch Europa von einem Lockdown in den nächsten taumelt öffnen in New York die Restaurants. In China herrscht seit Monaten „alte Normalität“. Nur die Dritte Welt schaut noch schlechter aus als der Kontinent der angeblichen Geistesgrößen. Das Abendland hat volle Intensivstationen, Millionen von Virologen und einen kollektiven Todestrieb.

 

Es gibt Bilder, die auf einen Blick erkennen lassen, worum es geht: Polizisten finden in einem italienischen Hinterhof mehrere Millionen Astra-Zeneca-Ampullen, vorbereitet zum Versand nach Großbritannien. Selbst wenn er wollte, könnte Ministerpräsident Draghi jetzt gar nicht sagen: Auspacken und bei uns verimpfen! Das würde, Gott behüte, europäisches Recht verletzen. Pandemie hin, Pandemie her – es muss alles seine Richtigkeit haben!

 

Gleichzeitig verlässt keine einzige Ampulle aus den USA oder aus Großbritannien das Land in Richtung Europa. „Amerika first“ und „Britain first“. Was sollen wir auf die Fahne schreiben? Vorschlag: „Die Letzten beißen die Hunde“. Ein hübsches Motto für einen konkursreifen Kontinent.

 

Der Fisch stinkt….


Wir wissen, wo er stinkt. Als es an die gemeinsame europäische Bestellung von Impfstoffen ging dürfte Frau von der Leyen das Thema behandelt haben wie einen Monatsanfang, an dem sie mit ihrem Mann das Haushaltsbudget bespricht. Adrett, frische Föhnfrisur, spitzer Sparstift. Nun, ein halbes Jahr später, wird zwar hinten herum gemurrt, doch nicht klar ausgesprochen: Die Frau Präsidentin und ihre Berater sind schuld an der größten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg! Die USA haben in 58 Tagen 100 Millionen Menschen geimpft. Man kann dort wieder
zur Arbeit gehen und in der Bar Freunde treffen. „Sparsamkeit“ und fehlende Management-Qualitäten haben die Europäische Union und ihre 27 Staaten zu einer makabren Lachnummer gemacht. Totentanz, made in Europe. Frankreichs Präsident Macron, der „Macher“ der Kommissionspräsidentin, prügelt sein Land von einem Lockdown in den nächsten. Kanzlerin Merkel („Inzidenz 35“) implodiert an ihren Provinzfürstinnen und –fürsten und Herr Kurz fühlt sich wie so oft im Redewettbewerb „Denk ich an Brüssel bei der Nacht…“ Alle zusammen schaffen nicht, was Boris Johnson, Benjamin Netanjahu oder Joe Biden vormachen: Ideen und Druck zu entwickeln, dem Abendland rasch die nötigen Impfstoffe zu organisieren.


Ärmel hoch zum Impfen?


Als im Spätherbst 2020 die ersten Impfstoffe zugelassen wurden zeigte das deutsche Fernsehen, was deutsche Logistik heißt: Überall im Bundesgebiet wurden riesige Hallen adaptiert und Impfstraßen eingerichtet. Schwitzend, aber stolz wurde gemeldet: Wir sind bereit! Ein halbes Jahr später gibt es viel zu wenig Impfstoff, viel zu wenig Testmöglichkeiten und keinerlei Vertrauen mehr in die angeblich tollen Fähigkeiten. In Österreich hat man ähnliche Bilder gar nicht gezeigt, weil es vergleichbare Vorbereitungen gar nicht gab und bis heute nicht gibt. Ein aus dem Ruder gelaufenes Gesundheitsministerium hängte die Verantwortung fürs Impfen den Ländern um. Den Impfstoff verteilt das Ministerium zwar nach wie vor („nach Wareneingang“), die Schuld am Versagen jedoch wurde erfolgreich ausgelagert. Das hätte die große Stunde des Föderalismus werden können. Jedenfalls, wenn Österreichs Verwaltungsstruktur so gut und fürsorglich wäre, wie sie immer tut. Nach einem Jahr Corona kann man Politiker, Landesamts- und Magistratsdirektoren nur aufrufen, den Slogan von der „bürgernahen Verwaltung“ für ewig einzurexen.


Jeder Fisch hat auch ein Rückgrat


Man hört immer wieder, dass Europa deshalb so gut funktioniere, weil bestens ausgebildete Beamte die Verwaltungsstrukturen mit der begeisterten Liebe von Feinmechanikern hegen und pflegen. Die Pandemie hat allerdings den wahren Charakter der europäischen und der nationalen Bürokratien gezeigt: Analoge Arroganz statt digitale Kompetenz.
Vermutlich handschriftlich wurden „Impfpläne“ erstellt, die dem absoluten Amtsgeheimnis unterliegen bzw. nach Lust und Laune „adaptiert“ werden. Wenn der Normalbürger wissen will, ob und wann er geimpft wird, dann rennt er gegen den Stahlbeton behördlichen Schweigens. Man erfährt buchstäblich nichts. Kein Wunder, dass sich munterer Schleichhandel etabliert: Bekannte rufen an und erzählen, sie seien gerade geimpft worden, obwohl sie gar nicht an der Reihe gewesen wären. Wenn gewünscht, könne aber gerne der Kontakt zu einem Gynäkologen (!) hergestellt werden, der noch ein paar Ampullen vorrätig habe… Anfragen beim Roten Kreuz werden sarkastisch beantwortet („Wir melden uns, sobald das Impfchaos beseitigt ist“), Mails an Gesundheitsbehörden bleiben ohne Antwort. Der Apparat, der die Impfung organisieren sollte, fragt nicht: Was kann ich für die Bürger tun? (und zwar rasch), er lässt uns warten wie jämmerliche Bittsteller. Fantasie wird nicht für Impftempo und Impflogistik eingesetzt, bestenfalls für das Verfassen von Covid-Verordnungen. Doch seien wir nicht ungerecht. Es gibt auch heitere Momente in diesen Tagen: Die Frau Tourismusministerin möchte den „grünen Impfpass“ einführen, damit wieder gereist werden kann. Sie denkt hier offenbar an Seniorenreisen und Ausflüge von Pflegeheimen. Denn: Meine Sekretärin, 30 Jahre alt, befindet sich in „Impfgruppe 7“. Wenn Österreich so schneidig wie im Moment weiterimpft kann sie ihren nächsten Auslandsurlaub ab Februar 2022 buchen. Es sei denn, wir bekommen die vierte…., …., …. Welle.

 

Espresso in Brooklyn, Lockdown in Vienna

 

Während die toxische europäische Mischung aus hilflos-intriganter Politik und lebensbedrohlichem Verwaltungsversagen einen Lockdown nach dem anderen produziert, serviert man in Brooklyn bereits Espresso. Auf den Bühnen in England treten wieder reale Künstler auf, bei uns streiten „Volksvertreter“ und Virologen um den besten Platz vor dem Mikrofon. Im Fellner-Radio warnt Österreichs Außenminister dringend davor, sich in den Impf-Flieger nach Dubai oder Belgrad zu setzen. Dort drohe Lebensgefahr. Denn niemand wisse, was wirklich in den Ampullen sei. Außerdem käme bei uns ohnehin jeder dran. Man hört es und fragt: Chuzpe oder Zynismus? Es ist Abend im Abendland.

 

 

 

DIETMAR DWORSCHAK
Herausgeber & Chefredakteur
dd@anwaltaktuell.at