„68% mehr Geld für männliche Seniorpartner ...?“

DR. ALIX FRANK-THOMASSER

Gründerin der Alix Frank Rechtsanwälte GmbH in Wien, spezialisiert auf M&A, Gesellschaftsrecht, Restrukturierungen, Europäisches Vertragsrecht etc. diverse Funktionen in der Standesvertretung national und international. Gründerin und Obfrau des Vereins „Women in Law“

PROF. MMAG. FRANZ HEIDINGER; LL.M. (VIRGINIA) 

Partner Alix Frank Rechtsanwälte GmbH, spezialisiert auf Crossborder-Trans- aktionen, nationales und internationales Vertragsrecht, Arbeitsrecht, Immaterialgüterrecht Lektor an den juridischen Fakultäten der Universitäten Wien, Graz und Krems. Obfrau-Stellvertreter des Vereins  „Women in Law“


UNGLEICHHEITEN. 70% der rund um Corona Gekündigten sind Frauen. Was in Krisenzeiten dramatisch sichtbar wird, hat auch im „Normalbetrieb“ System: Dramatische Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Karriere und Bezahlung.  Der Verein „Women in Law“ (www.womeninlaw.info) möchte diese Verhältnisse ändern.

Interview: Dietmar Dworschak

 

Was sind die Ziele des Vereines „Women in Law“, Frau Dr. Frank­Thomasser?

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Frauen in ihrer Ausbildung und ihrer Karriere zu unterstützen, sodass sie auf allen Ebenen eine Chance haben, gleichberechtigt neben Männern dazustehen.

 

Was heißt „Frauen unterstützen“?

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Das heißt einmal Aufzeigen der unterschiedlichen Rahmenbedingungen, um besser zu erkennen, wo und warum Unterstützung notwendig ist und andererseits Gedankenaustausch und Netzwerken. Überdies haben wir ein akademischs Board eingerichtet, um unsere Konferenzen auch auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben, sodass quasi objektivierbare Ziele defniert werden können.

 

Wer hat den Verein gegründet und von wem wer­den dessen Aktivitäten unterstützt, Herr Profes sor Heidinger?

 

Prof. Franz Heidinger: Der Verein wurde 2019 im Nachgang zu unserer ersten internationalen Konferenz gegründet. Die Veranstaltung hatten ursprünglich wir als Kanzlei getragen. Wir haben jedoch bald gesehen, dass es nur gelingt, die Anzahl der Unterstützer zu erhöhen, wenn wir das in einen Verein ausgliedern und uns damit gleichzeitig auch öffnen für alle Berufsstände und gleichinteressierte Kanzleien.

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Es sind nicht nur Berufsstände, wir wenden uns an alle Frauen im Recht. Wir haben auch Kooperationen mit dem Verein der Deutschen Unternehmerinnen, weil wir wissen, dass Juristinnen in vielen verschiedenen Bereichen Karriere machen können, ob das im ganz normalen operativen Geschäft oder in der Rechtsabteilung eines Unternehmens ist.

 

Prof. Franz Heidinger: Daneben gibt es in Österreich die Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung. Wir wissen, dass viele Juristinnen erfolgreich in der Wirtschaft tätig sind. Auch sie sind für uns logische Ansprechpartnerinnen.

 

Welche Aktivitäten hat der Verein in der Vergan­genheit gesetzt?

 

Prof. Franz Heidinger: Wir mussten uns erst einmal intern organisieren und schauen, wie wir zum Beispiel das bereits angesprochene akademische Board aufbauen, das uns bei der Themenfndung für unsere Konferenzen unterstützen soll. Wir sind dabei, neue Partnerschaften aufzubauen – einerseits mit den Universitäten Österreichs, aber auch international, mit anderen Berufsorganisationen und auch mit anderen Organisationen, die an dem Thema Interesse haben und wo wir der Meinung sind, dass wir gemeinsam etwas bewegen können.

 

Für Anfang Juni dieses Jahres war Ihre zweite Fachkonferenz in Wien geplant. Durch die Coro­na­Virus­Entwicklungen haben Sie sich zur Ver­schiebung entschlossen. Ändern sich dadurch Ziele und Absichten? 

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Nein. Die Konferenz fndet grundsätzlich in englischer Sprache statt, da wir über den Tellerrand hinaus schauen und ein internationales Publikum anziehen wollen. Es ist eine Erfahrung unserer Konferenz des letzten Jahres, dass der Gedankenaustausch nicht nur notwendig, sondern durch die Internationalität umso interessanter ist. Damals waren Frauen und Männer aus zwölf Nationen anwesend, aus sehr unterschiedlichen Ländern und Lebensweisen. Diesmal wollen wir die Themen Vorurteile, Flexibilität, Agilität im Arbeitsleben, Diversität oder Inklusion ansprechen, aber auch – und das halten wir für sehr wichtig – sämtliche Bedrohungen, die uns aus diesen Bereichen auch als Frauen treffen. Letztendlich wollen wir in einem eigenen Bereich auch Ratschläge und Aussichten darstellen, wie eine Frau Top-Karriere machen kann.

 

Eine Frage, die sich natürlich besonders auf­drängt: Welche Rolle spielen Sie als Mann im Ver­ein „Women in Law“, Herr Professor Heidinger?

 

Prof. Franz Heidinger: Ich habe nicht nur die Freude, als stellvertretender Obmann, richtiger-weise müsste man ja sagen: Obfrau-Stellvertreter, tätig zu sein, meine Rolle ist es insbesondere auch, für Ausgewogenheit zu sorgen und männliche Verbündete anzusprechen, in den Standesvertretungen, in den Berufsvertretungen, die bisher weitgehend männlich besetzt sind. Die müssen wir kontaktieren und gewinnen, um hier einerseits Bewusstsein zu schaffen und andererseits zügig Veränderungen herbeizuführen.

 

Gehen Sie da zum Beispiel auch in Rechtsan­waltskanzleien, in denen vor allem ältere Partner der Meinung sind, dass Frauen bei der Arbeit Highheels tragen sollten?

 

Prof. Franz Heidinger: Dazu steht mir kein Urteil zu. Wir haben bereits bei allen führenden Kanzleien des Landes angeklopft, aber bisher wenig Response bekommen. Wir glauben jedoch, dass wir über erfolgreiche Konferenzen und Veranstaltungen insgesamt das Interesse auf zumindest zwei Ebenen stärken können: einerseits das Inter- esse der Mitarbeiterinnen, die in den Kanzleien tätig und vielleicht nicht so ganz damit zufrieden sind, wie ihr Alltag aussieht, zum anderen aber auch die unternehmerische Seite. Da denke ich in Richtung der Managing Partner, die sich vielleicht Sorgen darüber machen, wie sie in Zukunft rekrutieren wollen.

 

Man hört und liest ja immer wieder, dass es auch im juristischen Bereich deutliche Unterschiede in der Bezahlung zwischen Männern und Frau­en gibt. Ist da was dran?

 

Prof. Franz Heidinger: Wie Sie wissen, gibt es auf EU-Ebene die Vorschrift, dass Unternehmen ab einer gewissen Größe die Gehälter offenlegen müssen, und zwar getrennt nach Geschlechtern, damit man erkennen kann, ob es eine Schere zwischen Männern und Frauen gibt. In London war es erstmals vor zwei oder drei Jahren der Fall, dass die Großkanzleien das veröffentlichen mussten. Als die Zahlen von der Londoner Law Society veröffentlicht wurden hat das einen Riesenaufschrei ausgelöst. Da hat sich nämlich herausgestellt, dass die Senior-Partner bis zu 68 Prozent mehr als vergleichbare Frauen verdient haben.

Was das bedeutet, kann man sich leicht vorstellen. Wenn ich in einem Board-Room meiner Kollegin gegenübersitze, die weiß, dass ich als Mann fast 70 % mehr verdiene als sie, dann führt das zu Problemen. Frauen und vor allem jüngere Kolleginnen fragen sich: Warum soll ich in dieser Kanzlei überhaupt arbeiten oder eine Partnerschaft anstreben. Ganz Junge sagen: Da geh ich gar nicht hin! Auf der anderen Seite gibt es erfreulicherweise bereits Unternehmen, die Aufträge nur an Kanzleien vergeben, die im Rahmen von Ausschreibungen sicherstellen können, dass es zu solchen finanziellen Diskriminierungen nicht kommt. Wir sehen bei diesem Thema einen wichtigen Schwerpunkt für die Tätigkeit unseres Vereines.

 

Die österreichische Juristenszene ist ja nicht ge­rade arm an Frauen, wenn man sich die Hörsäle der Universitäten oder die Besetzung der Ge­richte anschaut. Gibt es da wirklich etwas zu verbessern?

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Einiges gibt es zu verbessern. Wenn man sich den Anwaltsstand anschaut, so bilden wir derzeit über 50 Prozent Frauen als Rechtsanwaltsanwärterinnen aus. Im Stand verbleiben uns dann manchmal 17, manchmal 20, oft auch weniger Prozent aus den jeweiligen Jahrgängen. Da muss man sich schon die Frage stellen, was hier mit vier wichtigen Jahren im Leben eines Menschen geschieht. Da wird von der Auszubildenden und vom Ausbildner viel Kraft investiert, um das Berufsziel Rechtsanwalt zu erreichen. Wir haben mittlerweile die Situation, dass mehrheitlich Frauen die Rechtsanwaltsprüfung bestehen, aber, wenn diese dann den Beruf nicht ausüben muss man schon fragen: Was haben wir uns hier jahrelang angetan, von beiden Seiten her…? Bei unseren bisherigen internationalen Kontakten haben wir immer wieder gehört, dass Frauen, die Partnerschaften in Kanzleien anstreben, es als größtes Hindernis sehen, ein Sabbatical zu machen, sei es zur Fortbildung, für die Kinderbetreuung oder die Pfege in der Familie. Wenn sie ausscheiden, verschwinden ihre Mandate, wenn sie wiederkommen, haben sich die Strukturen meist stark verändert. Da herrscht großer Verbesserungsbedarf. Da brauchen wir gezielte Ausbildungsprogramme oder Austritts- und Wiedereintrittsvereinbarungen, die auch mit den betriebswirtschaftlichen Zielen der jeweiligen Kanzlei koordiniert sein müssen. Solche Vereinbarungen soll es aber nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer geben.

 

Im Sommersemester gibt es an der Universität Wien erstmals eine Lehrveranstaltung unter dem Titel „Women in Law“. Was wird dort ver­ mittelt:

 

Prof. Franz Heidinger: Wir sind extrem stolz, dass es gelungen ist, die Universität Wien zu überzeugen, dass eine Lehrveranstaltung zum Thema „Frauen im Recht“ in den akademischen Plan gehört. Es handelt sich dabei um die erste Lehrveranstaltung dieser Art in Europa. Wir haben eine zweiteilige Lehrveranstaltung angesetzt, einerseits eine rechtshistorische Vorlesung über die ersten hundert Jahre der Frauen im Recht. Dazu gibt es fantastisch erhellende Erkenntnisse, die hier vorgetragen werden. Andererseits gibt es einen seminaristischen zweiten Teil, wo wir gemeinsam mit den weiblichen und männlichen Studierenden die Themenbereiche Vorurteile, Flexibilität, Agilität im Arbeitsleben, Diversität und Inklusion aufarbeiten wollen. Die gute Nachricht in Corona-Zeiten lautet übrigens: Die Veranstaltungen fnden statt. Distance-learning macht’s möglich. 

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Es ist für uns besonders wichtig, dieses Gedankengut bereits bei jenen zu platzieren, die berufich ganz am Anfang stehen. Ich sehe, dass Veranstaltungen, bei denen junge Leute mit so genannten „Role Models“ zusammengebracht werden, zu wenig bringen. Wir müssen viel früher beginnen Bewusstsein zu entwickeln.

 

Apropos Role Model: Sie selbst, Frau Dr. Frank­-Thomasser, sind ein gutes Beispiel dafür, dass eine Frau im Rechtsberuf sehr erfolgreich sein kann. Machen es Ihre Kolleginnen bis jetzt nicht richtig – oder haben Sie selbst sich besonders geschickt über strukturelle Behinderungen hin­weggesetzt?

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Ein „richtig“ oder „falsch“ wird es wahrscheinlich nie geben. Ich selbst habe mich über alle möglichen Hindernisse hinweggesetzt, weil ich immer nur das Ziel vor Augen hatte. Das ist nicht jedem gegeben. Ich fnde es auch nicht richtig, dass man voraussetzt, dass jeder und jede sich gazellenartig über Hindernisse hinwegsetzt.

 

Sie verraten also Ihr Geheimnis nicht?

 

Dr. Alix Frank­Thomasser: Das Geheimnis ist eigentlich ganz einfach: Leidenschaft zu diesem Beruf, eine hohe Disziplin, eine ganz dicke Elefantenhaus und strahlender Optimismus.

 

Frau Dr. Frank­Thomasser, Herr Professor Hei­dinger, danke für das Gespräch.