"Unvergessen" im Firmenbuch

DIETER GRIMM

scharfsinniger Rechtsleher und Verfassungsrichter mit Freude an der Kontroverse

INTERNATIONALE RECHTSAUTORITÄT. Zeitgerecht zum 80. Geburtstag des weltweit geschätzten deutschen Universitätsprofessors und Verfassungsrichters ist das Buch „Ich bin ein Freund der Verfassung“ erschienen. Im Gespräch mit universitären Kollegen entsteht die faszinierende Biografie­ eines außergewöhnlichen Rechtslehrers und Richters.

 

Großvater und Vater von Dieter Grimm waren Eisenbahner, seine Mutter Hausfrau. Der Zugang zu höheren Studien und wichtigen gesellschaft­lichen Funktionen ist nicht zwingend gegeben. Doch bereits als Schülervertreter entwickelt der junge Mann ein besonderes Gespür für Gerechtigkeit – und Politik.

 

Im restaurativen Klima der 50-iger Jahre entscheidet er sich für das Studium der Rechte – als Grundlage für eine spätere politische Karriere. Als er spürte, sich dem thematischen Sog des gewählten Studiums­ nicht mehr entziehen zu können, entstand ein Kompromiss: „Mir ging es darum, politikwissenschaftliche­ Erkenntnisse für die Verfassungsinterpretation­ fruchtbar zu machen, nicht aber der Rechtswissenschaft den Rücken zu kehren.“

 

Zügige Karriere

„Mir hatte schon in frühen Jahren meines Studiums eingeleuchtet, dass eine Rechtsordnung ethische Grundlagen benötigt“ erinnert sich Dieter Grimm. Mit dieser Haltung erkundete er bei Studienaufenthalten in Paris und an der Harvard-Universität die Verfassungen anderer Länder – und wurde zum Internationalisten. Nach Fertigstellung seiner Dissertation arbeitet er am Max-Planck-Institut in Frankfurt, wo er Zeitzeuge der 68-er-Revolte wird.1972 heiratet er seine aus Wien stammende Frau. Dieter Grimm widmet seine Habilitation dem Thema „Verfassung und Privatrecht“. Bei seiner ersten Pro­fessur in Bielefeld ist er Kollege von Niklas Luhmann, dessen These, das politische System sei lediglich ein Funktionssystem unter anderen, er ablehnt.

 

Der Verfassungsrichter

1987 wird Dieter Grimm Mitglied des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts, just zu der Zeit, als Roman Herzog zum Vizepräsidenten aufrückt. Bis 1999 wirkt Grimm an richtungs­weisenden Urteilen des BVG mit. Im Gespräch mit seinen sehr fachkundigen Kollegen Oliver Lepsius, Christian Waldhoff und Matthias Roßbach geht es im munteren Frage-Antwort-Spiel um Spezialthemen wie das Rundfunkgebührenurteil von 2007, die Überleitung von Renten und Altschulden (DDR) oder um Aufruhr zu den Schlagzeilen „Kruzifix“ und „Soldaten sind Mörder“. Es folgen mehrere kontrovers aufgenommene Entscheidungen, die den eminent politischen Charakter des Bundesverfassungs­gerichts unterstreichen.

 

Der Internationalist

Hohe Anerkennung genießt Dieter Grimm auch als internationaler Verfassungsrechtslehrer, z.B. im Rahmen eines legendären Seminars an der Yale-Universität. Dass er auch als 80-Jähriger rastlos bleibt bewies er kürzlich mit einem Vortrag am Österreichischen Verfassungsgerichtshof. Gefragt nach der „Zukunft der Verfassung“ warnt Dieter Grimm vor „Lamento“, mahnt aber zur Wachsamkeit: „Die Verrechtlichung der öffentlichen Gewalt ist ein Fixpunkt. Die jeweiligen Formen folgen den wechselnden Bedingungen. Die Verfassung ist eine besonders ambitionierte Form. Das Bestreben sollte sein, so viel wie möglich davon auf die supranationale Ebene zu retten."