Anstand in Zeiten des Trump

Axel Hacke

„Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“

 

Wir leben in aufgewühlten und aufwühlenden Zeiten, die Grundlagen unseres bisherigen Zusammenlebens sind bedroht: Zeit, sich wieder einmal ein paar wichtige Fragen zu stellen.

ES REICHT! Der Schriftsteller und Kolumnist Axel Hacke fragt, wie weit wir uns schon an Shitstorms, Beleidigungen, Lügen und rauen, unverschämten Ton gewöhnt haben. Ist es gut, dass Rücksichtslosigkeit und Niedertracht wesentliche Qualifikationen im Management geworden sind? Ein Buch für Menschen, die das Wort „Anstand“ noch kennen.

 

„Ich empfand es als großes Lob, wenn man über einen anderen sagte: ein anständiger Kerl“. Mit diesem Satz könnte ein Erziehungsroman beginnen, den man heute wohl verstaubt nennen würde. Denn die Schranken einer halbwegs rücksichtsvollen Erziehung sind längst schon gefallen. Im Weißen Haus sitzt ein Mann, dessen Ehrgeiz es ist, pro Tag mindestens ein Dutzend von Menschen zu beschimpfen und zu verun­ glimpfen. Der keinerlei Hemmung hat, zum Beispiel einen Behinderten vor Millionenpublikum lächerlich zu machen. Kein Wunder, dass sich der Prolet von nebenan denkt: Das kann ich auch.

 

Gewalt ist chic

Axel Hacke, der sich normalerweise als feinsinnigwitziger Kolumnist und Schriftsteller um Seltsames und Absonderliches rund um den Globus kümmert, entrollt in seinem Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ ein Panoptikum der zeitgenössischen Rücksichtslosigkeit. Die Brutalität hat sich ohne lange Vorrede in unserer Gesellschaft eingenistet. Ein Beispiel: „Was ist mit dem jüngeren, gut angezogenen Mann, der mit seinem großen Auto um die Ecke biegt, haarscharf an einer Mutter mit ihren zwei Kindern vorbei, die an einem Zebrastreifen bei Grün über die Straße gehen – und der, als die Mutter auf die für sie grüne Ampel zeigt, die Scheibe herunterläßt und sagt: ‚Halt’s Maul, Schlampe.“

 

Zuckerberg und das Gute

Einer der verlässlichsten Brutkästen menschlicher Rücksichtslosigkeit ist relativ jung: Facebook, gegründet im Februar 2004. Pöbelei, Verunglimpfung, Mobbing und Falschmeldung sind wesentliche Charakteristika dieser „Kommunikationsplattform“ geworden. Hacke: „Jedenfalls kann ich nicht verstehen, wie es möglich ist, dass sich Mark Zuckerberg, der Gründer und Haupt­anteilseigner Facebooks, sich selbst immer wieder als Menschenfreund und Visionär eines besseren Lebens feiern lässt, während seine eigene Firma sich geradezu schamlos dazu benutzen lässt, die Grundlagen unseres Zusammenlebens zu unter-minieren, um es mal ganz zugespitzt zu sagen.“

 

Knigge reloaded

Der Autor empfiehlt, sich auf den legendären Anstandslehrer Knigge zu besinnen: „Schrieb er nicht über den Umgang mit Menschen, er müsse auf den Lehren von Pflicht gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind?“

Der Mensch, meint Hacke, müsse sich der modernen Herausforderung nach Millionen von Entwicklungsjahren deutlicher bewusst werden. Es gelte, „hinauszuwachsen über seine Instinkte, seine unmittelbaren Gefühle, seine Bequemlichkeit und Faulheit und Neigung zur Seelendummheit, über seine Standardeinstellungen und default settings. Zu dem finden, was ihm auch gegeben ist, was er aber bisweilen erst einmal in sich suchen muss, das Verstehen und den Verstand, alles, was er an Größe in sich trägt.“

 

Dieses Buch ist ein ideales Geschenk für Rechtsanwälte, die wieder einmal darüber nachdenken wollen, ob der Krieg tatsächlich der Vater aller Dinge ist.