Der digitale Arbeitsmarkt

SCHARFER WIND. Frühjahrsputz für traditionelle Denkmuster. Der erfolgreiche Investor, Berater und Internetunternehmer Gerald Hörhan warnt die Mittelschicht davor, die Digitalisierung zu verschlafen.

 

„Der stille Raub“ ist ein Buch, das man am besten kauft und liest, wenn sich das Gefühl breit macht, dass die Dinge stocken. Dass die Umsätze langsam abflachen, dass Kunden ausbleiben, dass es mühsam wird. Ein Buch für den Status „spürbarer Leidensdruck“. Adressaten sind im Grunde alle, die Geld verdienen wollen oder müssen. Und wie bei vielen Büchern, wo es ums Geldverdienen geht muss man auch auf diesen 200 Seiten bereit sein, beim Autor im Aston Martin oder in der Business-Class Platz zu nehmen. Er macht kein Hehl daraus, fröhlich reich zu sein. Auch sein Name deutet an, dass ihm vieles wurscht ist: Investment-Punk.

 

Neugier statt Behäbigkeit

Was kann man lernen? Vor allem, dass lernen selbst die große Herausforderung ist. Autor Gerald Hörhan saugt einen geradezu mit, dem Status quo zu misstrauen. Als Harvard-Student mit „summa cum laude“, Investmentbanker und privat erfolgreicher Investor hatte er wenig Grund, seinen Horizont dringend zu erweitern. Er konnte beruhigt sagen: Die Kassa stimmt. Der Unterschied zu Menschen in seinem Erfolgsstatus lag darin, dass er von massivem Wissens- und Innovations-Hunger getrieben wurde. Dieser führte zum Thema Digitalisierung. Denn: „Durch Digitalisierung entsteht Nachfrage. Das sollten Sie verstehen, und dann geht’s nur noch um eins. Fangen Sie einfach an.“

 

Das große Verdrängen

Hörhan beschreibt packend zwei Welten mit grundverschiedenen Haltungen: Jenseits des Atlantik eine Gesellschaft, die vom Burger-Ver­käufer bis zum Immobilienmakler voll auf Digi­talisierung setzt und bei uns ein Europa, das gegenwärtige Problemstellungen mit Methoden aus der Vergangenheit lösen will. Als Akutbereiche nennt er das Bankwesen, das Gesundheitssystem und das Bildungswesen. Was in den USA gerade richtig in Schwung komme, schwappe früher oder später auch zu uns herüber. Beispiel staatliche Verwaltung: „Die Staaten werden anfangen, Verwaltungspersonal durch Technologie zu ersetzen. Damit werden sie als größter Arbeitgeber für die Mittelschicht wegfallen.“

 

Angst vor dem Robo-Anwalt?

„Ein Roboter stelzt auf Metallbeinen durch den Gerichtssaal und hält mit einer Navi-Stimme ein Schlussplädoyer?“. Mit diesen Worten verhöhnte ein Anwalt den Autor, bevor dieser ihm die anstehende Revolution im juristischen Bereich erläuterte: „50 Prozent der anwaltlichen Tätigkeiten lassen sich automatisieren. Dazu gehören ganze juristische Geschäftszweige wie die, die mit Rückerstattungsforderungen an Fluglinien aufgrund von Verspätungen Geld verdienen. Auch viele Fälle aus dem Konsumentenschutzrecht und Tätigkeiten wie das Eintreiben von Schulden oder Auskunftstätigkeiten wie Firmenbuch- und Akteneinsicht lassen sich automatisieren.“

 

Und dann beschreibt Hörhan noch „Ross“, den ersten amerikanischen Roboter-Anwalt. Er analysiert für seine Kanzlei Dokumente, Gesetzestexte, Aufzeichnungen und Anträge. Er kann viel mehr als Suchmaschinen, die auf juristische Themen spezialisiert sind.

„Er ist in der Lage, die Funde zu verknüpfen und eigene Hypothesen zu entwickeln­. So kann Ross die maßgeblichen Dokumente heraussuchen und zugleich beurteilen, wie wichtig sie für den jeweiligen Fall sind.“ Für Hörhan ist klar: „Kanzleien, die Mitarbeiter durch Roboter ersetzen, können ihre Dienste zu geringeren Preisen anbieten. Für die Mittelschicht ist es schlecht. Die digitalen Kollegen werden gut bezahlte Jobs eliminieren.“