Die Finanzwelt hat sich verändert!

 

 

 

 

Dr. Franz Gasselsberger

Generaldirektor Oberbank AG

 

Was mit großem Optimismus begann, endete im Dezember mit dem schlechtesten Monat an der Wall Street seit 1931. 2018 wird somit als aus­gesprochen negatives Jahr in die Geschichtsbücher eingehen.

Aktien, Anleihen, Veranlagungen in Emerging-Markets und Rohstoffe – alle wesentlichen Asset-Klassen sind 2018 im Minus, das haben wir in dieser Dimension zuletzt 2008 im Umfeld der Lehman-Pleite erlebt.

Nahezu in jedem Jahr seit 2008 gab es Sorgen – oft aus der Ecke der Wirtschaft, oft aus der Ecke der Geopolitik. Die negative Entwicklung der letzten Wochen 2018 hätte auch wesentlich früher oder wesentlicher später eintreten können und in all der Informationsflut stellt sich letztendlich eine Frage: Hat sich die Welt verändert oder sehen wir eine normale temporäre Korrekturphase?

 

Wir sagen „JA“ – die Welt hat sich verändert.

 

Erstens: die Wirtschaft

Die langfristige Analyse zeigt, dass der Aktienmarkt ein besserer Indikator für das kommende Wirtschaftsumfeld ist als die Wirtschaft für den Aktienmarkt. Insofern stellt sich nicht die Frage, ob eine Wirtschaftsabkühlung kommt, sondern nur wie stark sie ausfällt. Wir meinen, dass die aktuellen Erwartungen für 2019 zu hoch sind.Davon abgeleitet sind wohl auch die Gewinnerwartungen der Unternehmen noch zu hoch, was bei einem vorschnellen Vergleich des Kurs-Gewinn-Verhältnisses zu berücksichtigen ist. Gerade in Europa scheint aber eine Abkühlung der Wirtschaft mittlerweile in den Aktienkursen eingepreist. Eine deutlichere Abkühlung mit rezessiven Tendenzen hingegen noch nicht.

 

Zweitens: die Notenbanken

Die EZB hat seit März 2015 durch Anleihekäufe ihre Bilanzsumme um 2500 Mrd. Euro ausgeweitet. Mit zu harten Urteilen über diese Politik sollte man aber vorsichtig sein da wir nicht wissen, wie sich Europa ohne dieses Programm entwickelt hätte.

Dennoch ernüchtert eine emotionslose Analyse: Italien ist und bleibt ein Problemfall, die Zinsvorsprünge von Unternehmensanleihen sind höher als beim Start des Kaufprogrammes, der Aktienmarkt steht tiefer als im März 2015. Wenn man zudem die negativen Folgen der EZB-Politik für Banken, Versicherungen und Sparer berücksichtigt, dann wird das Kaufprogramm nicht als Erfolgsgeschichte in die Annalen eingehen. Ein Problem ist vor allem, dass der Handlungsspielraum für künftige Herausforderungen gering ist. Im Gegensatz dazu ist die amerikanische FED in einer komfortablen Situation: Ihr Zinserhöhungszyklus steht wohl vor dem Ende, der Spielraum ist somit hoch. Was ist aktuell anders als in den vergangenen Jahren? Die Sorglosigkeit der Märkte, dass die Notenbanken „uns schon irgendwie retten werden", wird vorerst noch nicht aufgehen. Ja, die Notenbanken werden irgendwann zurückrudern. Aber um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren, muss die Lage vorher noch deutlich schlechter werden.

 

Drittens: die Marktstruktur

Die Nullzins-Politik der EZB hat viele Anleger in Risikoklassen getrieben, die nicht ihrer Risiko-Tragfähigkeit entsprechen. Damit können normale Kapitalmarktschwankungen zum ultimativen Stresstest werden, besonders weil die rasant steigende Beliebtheit von Indexfonds Bewegungen nach oben und nach unten verstärkt.

 

2019: Schwankung als Dauerzustand

Die jüngsten Schwankungen werden uns wohl ins neue Jahr begleiten: Ein 20 %-Anstieg muss keine Trendwende sein, ein 20 %-Rückgang stellt nicht das langfristige Geschäftsmodell einzelner Unternehmen in Frage. Die richtige Aktienquote haben Sie für sich dann erreicht, wenn Sie sagen können, ich gehe durch diese Entwicklung gelassen durch – ohne jeden Tag hinzusehen, ob die Börsen höher oder tiefer stehen.

 

Wir gehen mit Respekt in das neue Jahr.

Die langjährige Erfahrung bringt aber auch die Überzeugung, dass komplizierte Märkte immer auch Chancen bieten. 2019 wird viele Möglichkeiten bringen, attraktive Investments zu attraktiven Preisen zu tätigen!

 

Dr. Franz Gasselsberger, MBA

Generaldirektor Oberbank AG