„Frauen sind ihre größten Kritiker“

Kecker Blick in eine hoffnungsvolle weibliche Zukunft: „Face the Future“. Von links nach rechts: KAD Mag. Sabine Schuh, Mag. Sophie Martinetz (Women in Law), Mag. Amelie Huber-Starlinger (Northcote.Recht), Mag. Eva-Elisabeth Röthler (ÖRAK), Mag. Niam Leinwather (Freshfelds Bruckhaus Deringer)


KARRIERE. Sie ist eines der einflussreichsten „Role Models“ für Juristinnen in Österreich: Die Nichtjuristin Mag. Sabine Schuh, Kammeramtsdirektorin der Rechtsanwaltskammer Wien. Ein Gespräch über Karrierechancen und das Verhältnis zwischen Frauen und Männern im Beruf.

Interview: Dietmar Dworschak

 

Kammeramtsdirektorinnen sind in Österreich und anderswo nicht gerade dicht gepfanzt... Hat es Sie überrascht, dass Sie in diese Position gekommen sind?

 

Mag. Sabine Schuh: Ja, es hat mich überrascht. Zwar hatte ich den Willen, mich weiter zu entwickeln, doch kurz habe ich mir gedacht: Hier bei den Rechtsanwälten als Nichtjuristin und als Frau zu starten? Schau’n wir mal…Aber es hat gut funktioniert.

 

Es gibt ja mittlerweile viele, die mit Ihnen sehr zufrieden sind. Wie lange sind Sie in dieser Position als Kammeramtsdirekto­rin der Wiener Rechts­anwaltskammer?

 

Mag. Sabine Schuh: Fünf Jahre. Aus meiner früheren berufichen Umgebung bei der Ärztekammer habe ich am Anfang des Öfteren gehört: „Ich wünsch Ihnen viel Glück beim Start!“ Ich habe geantwortet: „Das hat nichts mit Glück, sondern mit Können zu tun. Wenn Sie mir etwas wünschen wollen, dann viel Erfolg, aber nicht Glück.“ Ich höre ziemlich oft, dass man Frauen für ihren Berufsweg Glück wünscht. Was aber wirklich zählt ist der Erfolg. Glück ist es, dass man die Zeitung am richtigen Tag liest, um das Inserat zu fnden.“ (lacht lange)

 

Sie sprechen hier unterschwellig an, dass es – auch gesellschaftlich – bekannt ist, dass Frauen oft über eine höhere Qualifkation verfügen, aber bei der Postenbesetzung bei Weitem nicht das bekommen, was ihnen zustünde…

 

Mag. Sabine Schuh: Ich glaube, dass Frauen oftmals ihre größten eigenen Kritiker sind. Eine spannende psychologische Theorie besagt, dass man, je mehr man weiß, umso mehr auch weiß, was man nicht weiß. Frauen neigen deshalb eher dazu, ihre Kompetenz nach unten zu relativieren. Sie sagen nicht „Ich kann 90 Prozent der Rolle ausfüllen, sondern: Mir fehlen noch 10 Prozent bis zu den 100“.

 

Was können Sie als Kammeramtsdirektorin für Frauen – für Anwältinnen und Konzipientin­nen – in Ihrer Position tun?

 

Mag. Sabine Schuh: Grundsätzlich versuche ich, bei den Veranstaltungen – Beispiel Junganwältetag –, aber auch bei den Plenarversammlungen, die Frauen, so gut es geht, anzusprechen. Politische Entscheidungen werden auf ÖRAK-Ebene getroffen und wir setzen diese auf Länderebene um. Wir waren in Wien die ersten, die die Befreiung aufgrund von Mutterschutz in die jeweiligen Umlagenordnungen hinein textiert haben. Ich versuche, auf den verschiedensten Gebieten für die Frauen präsent zu sein.

 

Anlässlich des Weltfrauentages gibt es eine In ternet-Initiative namens „Face the Future“. Da werden Frauen und Männer abfotografert – zu welchem Zweck?

 

Mag. Sabine Schuh: Die Kampagne kommt aus England und hat ursprünglich „the frst 100 years“ geheißen und sollte 100 Jahre Frauen in der Rechtsbranche zeigen, auch in Österreich. Die Kampagne wurde erst vor einer Woche an uns herangetragen, aber da sieht man, wenn fünf Frauen sich zusammenschließen, dann geht schon was weiter.

Wir wollen zeigen, was bereits geschehen ist und wie vielfältig es weitergeht, übrigens sowohl bei den Frauen wie auch bei den Männern. Denn die Diversität ist es, was es ausmacht: Auf gleicher Augenhöhe! Es geht nicht um Frau oder Mann… Ich möchte mit jeder und jedem, die hier ins Haus kommen, ebenbürtig sprechen. Es geht um Werte, es geht um die Frage „Was können wir für die Be- völkerung tun?“ Wir wollen zeigen: Auch die Rechtsanwälte kümmern sich um die Entwicklung der Gesellschaft.