Ich bin (k)ein Opfer

GEWALT GEGEN MÄNNER. Bei über 60 Prozent der Verbrechen gegen Leib und Leben sind die Opfer männlich. Während Gewalt gegen Frauen vorwiegend in den eigenen vier Wänden stattfindet, wird der Mann im öffentlichen Raum zum Opfer. Eine aktuelle Kampagne des „Weißen Ringes“ macht jetzt darauf aufmerksam.

 

„Es sind oft kleinste Auslöser, die zur Gewalt gegen Männer führen“ weiß Dina Nachbaur, Geschäftsführerin der Opferhilfe-Organisation „Weißer Ring“. Ob es dabei um Hasskriminalität gegen Minderheiten oder lediglich um einen Wortwechsel wegen zu lauten Telefonierens geht – Männer „wollen es wissen“. Am stärksten sind dabei Männer zwischen 19 und 29 Jahren be­troffen. Im Unterschied zu Frauen sind Männer aber kaum durch Opferschutzeinrichtungen ver­treten. Was vor allem daran liegt, dass es Män­nern aufgrund ihrer Sozialisation schwer fällt, über Leid zu sprechen, das ihnen zugefügt wurde. Welcher Mann gibt denn schon gerne zu, „Opfer“ geworden zu sein?

 

Einladung, sich Unterstützung zu holen

„Unsere Aufgabe in der Beratung ist es, Verbre­chensopfern zu vermitteln, dass Opfer-Sein kein lebenslanger Status ist, sondern ein Zustand, den man beenden kann. Opfer von Gewalttaten haben die Möglichkeit, sich zu wehren, indem sie sich Unterstützung holen“ sagt Dina Nachbaur.

Der „Weiße Ring“ bietet Hilfe einerseits durch Beistellung eines Rechtsanwalts für die Vertretung im Verfahren sowie eine psychologische Prozessbegleitung an. Hier geht es darum, die Seele des „Opfers“ durch Verurteilung des Täters in einer ersten Phase zu heilen. Außerdem werden im Verfahren Forderungen nach dem Verbrechens-Opfer-Gesetz gestellt. Diese reichen vom Schmerzengeld-Vorschuss über die Einfor­derung von Reparatur-Kosten (Zähne, Brille, etc.) bis zur Psychotherapie als Krisen-Intervention.

 

Langzeitfolgen möglichst vermeiden

Udo Jesionek, Präsident des „Weißen Ringes“ hofft, dass mit der Kampagne ein Tabu gebro­chen wird, das leider bei vielen jungen männli­chen Opfern wirkt: „Aus Erfahrung wissen wir, dass sie mindestens ebenso lange und tief unter den psychischen Folgen des Opfer-Seins zu leiden haben wie die Frauen.“

Die von der Werbeagentur Young & Rubicam pro bono gestaltete Kampagne ist auf Plakaten, Printanzeigen und in Sozialen Medien zu sehen.