Juristin mit Leib und Seele

Früher die Präsidentin von zwei Landesgerichten, jetzt als Anwältin begeistert auf der anderen Seite: Dr. Ingeborg Kristen.

 

RICHTERIN und ANWÄLTIN. Die ungewöhnliche Karriere von Ingeborg Kristen. Bereits als Gerichtspräsidentin legte sie ihre Anwaltsprüfung ab. Nach ihrer Pensionierung wurde sie Konzipientin und gewöhnte sich an ihre neue Rolle – auf der anderen Seite.

 

Von wegen „Männerwelt“. Die promovierte Juristin Ingeborg Kristen war Präsidentin zweier Landesgerichte: Wiener Neustadt und Krems. Eine saubere Karriere, möchte man meinen. Laudatoren würden sagen: „Ein erfülltes Berufsleben“. Orden und Applaus. Irgendwann muss der Frau Präsidentin aufgefallen sein, dass sich ihr Arbeitsleben auf die Grenze „65“ zubewegte. Dann, sagt die Republik, ist Schluss mit Recht sprechen und Führung eines Gerichts. Das war ihr zu wenig. Von wegen Frühpensionierung.

 

Frühe Prägung

Woher kommt so eine Ur-Energie für die Rechtsprechung, Frau Dr. Kristen? „Ich war ein Scheidungskind und bin immer wieder zu Unrecht bestraft worden, weil ich etwas ‚Falsches‘ gesagt habe.“ Als man in der Schule spürte, dass sich die kleine Ingeborg intensiv Gedanken über die Gerechtigkeit machte, meinte der Lehrer: „Gerechtigkeit gibt’s da oben. Hier unten gibt es ein Urteil.“ Sie spürte, dass dies zwar nicht die ideale Lösung war, wollte es aber doch versuchen. Ingeborg Kristen wurde Richterin. Was sie zu verhandeln hatte, war nichts für düstere Charaktere: „10 Jahre Missbrauchsgeschichten“. Für sie jedoch kein Grund, die Suche nach der Gerechtigkeit einzustellen. Ingeborg Kristen lernte damit zu leben, dass man Sachverhalte durch ein Urteil halbwegs klar stellen konnte. Und sie erkannte die Unmöglichkeit, dem Einzelnen klar zu machen, was gerecht ist: „Das beste Kompliment ist es, wenn das Urteil verstanden und akzeptiert wird.“

 

Die andere Seite

Die Zahl von schmeichelnden, blanken oder gut vorbereiteten Anwältinnen und Anwälten, die vor der Richterin Kristen gestanden haben, geht sicher in die Hunderte. Irgendwann muss sie sich gedacht haben: Ich möchte auch einmal auf der anderen Seite stehen. Sie wollte wissen, wie sich das anfühlt, „parteiisch sein zu müssen.“ Da entstand der Plan, auch noch Anwältin zu werden. Bei der Anwaltskammer Niederösterreich bestand sie die Prüfung. Für die Präsidentin muss das ja ein Spaziergang gewesen sein? „Naja“, sagt sie lachend.

 

Und jetzt Anwältin

„Rechtsanwaltsanwärterin“ mit 65. Auch für robuste Naturen eine Herausforderung. Ingeborg Kristen mag geholfen haben, dass sie ans „lebenslange Lernen“ glaubt. Geholfen hat ihr auch Wiens ehemaliger Rechtsanwaltskammerpräsident Dr. Harald Bisanz, in dessen Kanzlei sie die Ebenen des anwaltlichen Lebens kennenlernte. „Die Wald- und Wiesen-Vielfalt gefällt mir! Ich kann mir die Klienten aussuchen.“ Am liebsten sind ihr Mandate, die sie in Räume von früher zurückbringen: „Das Auftreten vor Gericht macht mir immer noch Spaß.“

 

P.S.: Ihr Mann hat die Seiten nicht gewechselt. Er ist nach wie vor begeisterter und renommierter Steuerberater. Die erwachsenen Kinder freuen sich, wenn Oma zwischendurch Zeit mit den Enkeln verbringt.