Karrierefaktor "Spaß an der ersten Reihe"

Mit 4.500 Studienanfänger pro Jahr ist Jus das beliebteste Studienfach Österreichs, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Aber nur rund ein Drittel schließt ab. Auch der klassische Weg vom Konzipienten bis zum Partner ist heute nicht mehr logische Konsequenz. Umso beeindruckender ist es, wenn eine Kanzlei gleich zwei junge Frauen zu Partnerinnen ernennt. So geschehen bei PHH Rechtanwälte. Anwalt aktuell im Gespräch mit den Neo-Partnerinnen Annika Wolf und Julia Peier sowie dem für HR zuständigen Partner Hannes Havranek.

 

PHH Rechtsanwälte hat erst vor einem Jahr die Partnerebene aufgestockt, jetzt kommen nochmals zwei dazu. Stehen die Zeichen auf Wachstum?

 

Havranek: Wir sind mit einem Umsatzplus von 29 Prozent sicher überdurchschnittlich gewach­sen in den letzten zwei Jahren. Und zwar sowohl auf Mitarbeiterebene als auch beim Umsatz. Dennoch war für uns Wachstum nicht die vor­dringlichste Priorität. Wir wollten die beiden als Partnerinnen, weil wir sie als Personen und Rechtsanwälte schätzen und in ihnen ein Po­tential sehen, das für die weitere Entwicklung der Kanzlei wichtig ist. Es war eine personenbezogene und unternehmerische Entscheidung. Wachstum ist eine Konsequenz unserer Strate­gie, nicht umgekehrt.

 

Peier: Ich denke, dass man als Anwalt auch Unternehmer sein muss. Wirtschaftliches Verständ­nis und Handeln ist essentiell, wenn man Erfolg haben möchte. Und das heißt natürlich auch, bestehende Mandate zu halten und neue zu ge­winnen. Im Immobilienbereich haben wir einige langjährige Kunden. Das bedeutet aber nicht, dass man sich darauf ausruhen darf.

 

Wolf: Top Leistung und voller Einsatz haben ei­nen hohen Stellenwert, speziell in meine Bereich Banking & Finance. Vor allem im Transaktionsgeschäft müssen wir immer die Extra­meile gehen, um uns gegenüber unseren Mitbewerbern zu behaupten.

 

Sie sind beide jung und weiblich – entsprechen nicht dem klassischen Bild eines Partners in einer Kanzlei. Zufall oder Strategie?

 

Havranek: Ich halte es für absurd, dass wir 2017 immer noch diese Debatte führen. Geschlecht und Alter zählen nicht zu den diesbezüglichen Entscheidungskriterien.

 

Peier: Ich bin schon mit dem Ziel in die Anwalts­branche gegangen, auch einmal Partner einer Kanzlei zu sein. Dies dann auch umzusetzen bedarf sicherlich Strategie und Durchhaltever­mögen. Schließlich ist die Anwaltsbranche generell kein leichtes Pflaster, egal für wen.

 

Wolf: Da muss man sich schon durchsetzen können …

 

Peier: Und klar kommunizieren, was man möchte. Ich habe immer ein sehr klares Ziel vor Augen ge­habt und das auch offen angesprochen.

 

War ihr Ziel von Anfang an Wirtschaftsanwalt oder sind Sie über Umwege bei Immobilien bzw. Banking & Finance gelandet?

 

Peier: Eigentlich war ich mir nach der Matura sehr unsicher, was ich studieren soll. Ich habe einen Zettel genommen und drei Spalten gemacht, eine mit meinen Interessen, eine mit meinen Fähigkeiten und eine mit dem Arbeitsmarkt. So bin ich zu Jus gekommen, weil das am besten zu mir und meinen Talenten gepasst hat.

 

Wolf: Ich wollte schon immer Jus studieren, schon als Kind. Mit zehn Jahren habe ich das Buch der 1000 Berufe gehabt, und dort war unter anderem der Beruf Wirtschaftsanwalt beschrieben. Das war für mich der Schlüssel – das wollte ich werden. Und bin es ja mit meinem Spezialgebiet Banking & Finance auch geworden.

 

Peier: Da habe ich schon ein bisschen länger gebraucht. Ich wollte für Gerechtigkeit sorgen und musste mich in mehreren Rechtsbereichen aus­ probieren. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass für mich das Immobilienressort am geeig­netsten ist.

 

Was waren Ihre Treiber für Ihre Karriere?

 

Wolf: Für mich ist Anwalt sein mehr als nur ein Job, ich finde schwierige Transaktion einfach fas­zinierend. Aber ich bin auch ein Mensch, der nicht stillstehen möchte, es muss immer weiter gehen, ich brauche immer eine neue Herausforderung.

 

Peier: Wir sind ja nicht von heute auf morgen Partner geworden, da hat es viele Gespräche vorher gegeben. Wichtig ist, dass jemand an einen glaubt und man sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt.

 

Havranek: Man merkt eigentlich sehr rasch, wenn jemand Karriere machen möchte und kann. Fachliche Kompetenz ist Grundvorausset­zung. Aber darüber hinaus braucht es soziale Skills und Persönlichkeit. Wer Partner sein möchte, muss dieses Wissen auch verkaufen können und Spaß an der ersten Reihe haben.

 

Peier: Wichtig ist natürlich auch ein gutes Auf­treten. Man muss sein Umfeld von sich und sei­nen Fähigkeiten überzeugen können.

 

Inwiefern spielt das Alter eine Rolle, wie man wahrgenommen wird?

 

Havranek: Das hängt stark vom Mandanten ab. Am besten arbeitet man meistens mit Personen zusammen, die etwa gleich alt sind wie man selbst, plus minus fünf Jahre. Ich betreue viele langjäh­rige Kunden im Bereich Corporate, und bin mit meinen Kunden gemeinsam älter gewachsen.

 

Peier: Aber mit Mitte 20 gibt es noch nicht viele in Führungspositionen, mit denen man auf Au­genhöhe verhandelt. Schön langsam kommen auch die Dreißiger in entsprechende Positionen, aber am Anfang musste ich mich schon oft be­weisen …

 

Wolf: Ich finde, das Alter wird überbewertet. Es ist mir natürlich auch passiert, dass Kunden beim ersten persönlichen Kontakt überrascht waren, weil ich noch so jung war. Aber sobald sie merken, dass man kompetent ist, wird das Alter nebensächlich.