„Da war die Kieberei schon vor dem Haus“

CORONA & STAAT. Vor 11 Jahren ist der Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ von Juli Zeh erschienen. Die Autorin, Juristin und Verfassungsrichterin, gibt bereits 2009 eine Kostprobe, in welche Richtung das politische System während und nach Corona entwickelt werden kann.

 

Vor ein paar Tagen ruft mich ein alter Freund an, spürbar aufgebracht. Er, tiefschwarzer Unternehmer aus Familientradition, Wirtschaftsbündler und alles andere als revolutionär, erzählt mir empört: „Stell dir vor, ein Bekannter hat in seiner Corona-Quarantäne den Müll rausgetragen. Da war die Kieberei schon vor seinem Haus!“

Was er für überzogen hält, dürfte bei der großen Mehrheit der österreichischen Bevölkerung gut ankommen: der neue, „fürsorgliche“ Überwa- chungs-Staat. Und: Die neue Bürgertugend heißt Vernaderung.

 

Gemeinschaftsaufgabe:

Erhaltung der Gesundheit

Nicht anders als dem Bekannten meines Freundes ergeht es der Romanfigur Mia Holl im 2009 erschienenen Buch „Corpus Delicti. Ein Prozess“ von Juli Zeh. Die junge Frau leidet schwer unter dem gerichtlich verordneten „Scheintod“ ihres Bruders. Es ist eine Zigarette, mit der sie die Gefühlsverbundenheit mit ihm herzustellen ver- sucht. Ein kleiner Rausch der Erinnerung, dessen Folgen der fürsorgliche Überwachungs-Staat wesentlich schärfer beurteilt als Mia selbst. Rauchen gilt nicht nur als Selbst-, sondern vor allem auch als Staatsgefährdung.

Das Prinzip der „neuen“ Gesellschaft ist die unbedingte Kontrolle namens METHODE.

Die Richterin sagt zu Mia Holl: „Wenn wir ver- nünftig denken, schuldet Ihnen die Gesellschaft Fürsorge in der Not. Dann aber schulden Sie der Gemeinschaft das Bemühen, diese Not zu vermeiden.“

Ein „Standardwerk“ zur Ideologie dieses neuen Staates mit dem Titel „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ lässt die Bürger unmissverständlich wissen: „Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon“.

 

Das unfehlbare System

Die durchaus nachdenkliche und kompromiss- bereite Mia steht vor einer grundsätzlichen Entscheidung: „Entweder ich verfluche ein System, zu dessen Methode es keine vernünftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.“

Gerechtigkeit leitet sich für sie ursächlich aus der Güte des Staatsganzen ab: „Die METHODE, das sind wir selbst. Sie, ich, alle. Die METHODE ist die Vernunft.“

Tatsächlich hat der „neue“ Staat die Volksgesundheit bis ins Detail durchgetaktet. Speise- und Sportpläne regeln verbindlich das individuelle Leben. Feind der allgegenwärtigen METHODE ist die R.A.K., die Bewegung „Recht auf Krankheit“. Logischerweise werden deren Vertreter nicht nur öffentlich scharf gebrandmarkt, sondern auch mit allen Mitteln verfolgt.

„Die METHODE definiert die Übereinstimmung von allgemeinem und persönlichem Wohl als ‚normal‘. Wer sich selbst nicht als normal in die- sem Sinne begreift, wird es auch in den Augen der Gesellschaft nicht sein“ formuliert ein führender Ideologe des „neuen“ Staates im TV-Interview. Hat die Autorin hier bereits der „neuen Normalität“ vorgegriffen?

 

Sind wir bereits Romanfiguren?

Wenn man in diesen Tagen Politiker in TV und in Zeitungsinterviews folgt, dann vernimmt man in jedem zweiten Satz den Begriff des „gesunden Menschenverstandes“.

„Gesunder Menschenverstand“ heißt in Juli Zehs Roman das zentrale Publikationsorgan des „neu- en“ Staates. Die Autorin hat auch in diesem Detail erschreckend vorausgeahnt, wie sich ein Gemeinwesen organisiert, um eine „äußere Bedrohung“ der Gesundheit abzuwehren.

Natürlich werden auch im Rechtssystem die Ge- leise neu verlegt, um die METHODE gegen ihre Feinde zu schützen. Man liest in dem Roman zwar nicht, auf welchem Weg die gültigen Gesetze entstanden sind, doch die Einsicht in die Anklageschrift genügt: „Methodenfeindliche Sabo- tage. Verunglimpfung der METHODE und ihrer Symbole… Störung des öffentlichen Friedens.“ Richterspruch: „Sie wird deshalb zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit verurteilt.“

Hat Juli Zeh bereits 2009 das Drehbuch zum Corona-Staat 2020 geschrieben?

Angesichts der abenteuerlichen Anlass-Gesetzgebung in der Krise liest sich der Roman wie ein Begleittext dieser Tage. Momentan friert man zwar noch nicht die Regierungskritiker ein, dafür aber die Demokratie.