Zahlungsmoral Österreich - Quo Vadis?

Aus der Wirtschaftskrise, die im Jahr 2008 begann, hatten Unternehmen gelernt, ihr Rechnungswesen an die Situation anzupassen und Mahnläufe zu verkürzen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in 2017 und der damals verbesserten Arbeitsmarktsituation gingen die Zahlungsausfälle in allen Branchen bis 2019 sukzessive zurück. Die hohe Zahlungsmoral lag an der guten Wirtschaftslage und an einer generellen "Kultur des Zahlens" in Österreich. Doch mit März 2020 begann die Covid-19-Pandemie und mit ihr hat sich das Zahlungsverhalten der österreichischen Unternehmen und Privatpersonen massiv verändert, wie eine kürzlich vom AKV durchgeführte Umfrage ergab.

War in den ersten Monaten des Lockdowns primär die sofort aufgetretene Schockstarre einzelner verantwortlich, sowie aufgrund der Kurzarbeit in vielen Betrieben deren Administration bei den Zahlungsabwicklungen überfordert, so hat sich seit Anfang Juli doch bei vielen Unternehmen ein Ausnutzen der Situation etabliert und Zahlungen wurden aus unterschiedlichsten Gründen sistiert.

Bei Privatpersonen war in der Vergangenheit Vergesslichkeit (60 Prozent) der Hauptgrund eine ausständige Rechnung nicht zu bezahlen, gefolgt von Liquiditätsengpässen (40 Prozent) oder Vorsatz (30 Prozent). Mittlerweile sind – bedingt durch die hohe Arbeitslosenrate oder durch finanzielle Einschränkungen bei Kurzarbeit – Liquiditätsengpässe der nahezu ausschließliche Hauptgrund (70 Prozent) das Zahlen von Rechnungen vor sich herzuschieben. Bedingt durch eine „Schonfrist“, die Unternehmen ihren Kunden beim Zahlen von offenen Rechnungen gewähren wollten, aber auch durch massive Umsatzrückgänge bei Unternehmen, hat sich wirtschaftlich eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die dzt. noch durch Maßnahmen der Regierung erst verlangsamt zur Geltung kommt.

 

Zahlen lügen nicht

Der Alpenländische Kreditorenverband musste feststellen, dass auch bei Unternehmen, die bereits in den letzten Jahren eine schlechte Geschäftsentwicklung hatten, diese bei nahezu allen Insolvenzeröffnungen die Schuld immer auf die Covid-19 Situation zurückgeführt haben. Viele Unternehmer, die sich durch die Pandemie sicherlich in einer Ausnahmesituation befnden, klammern sich weiterhin an die Hoffnung, dass ihre Geschäfte wieder anspringen. Aber auch Unternehmen, die unabhängig von der Corona-Krise bereits insolvenzgefährdet waren, nutzen die staatlichen Schutzschirme aus, übersehen oder ignorieren dabei allerdings, dass eine schuldhafte Verletzung – wie zu langes Hinauszögern der Insolvenzeröffnung – zu einer persönlichen Haftungsinanspruchnahme führen kann.

Die Realität für jeden nach dem Prinzip der kaufmännischen Vorsicht handelnden Unternehmer muss in naher Zukunft sein, dass aufgrund rückläufiger Umsätze viele Unternehmen Personal abbauen und somit viele Konsumenten finanziell Engpässe haben werden, wodurch Lieferungen und Leistungen an Firmen als auch an Private und deren fristgerechte Zahlung besonders im Auge behalten werden müssen.

Als Gläubigerschutzverband, der für seine Mitglieder und Mandanten außergerichtliche Forderungsbetreibungen durchführt, haben wir in den letzten Monaten vermehrt zur Kenntnis genommen, dass es bei Betreibungen größerer und intensiverer Anstrengungen bedarf, als in den Jahren zuvor.

Hat in der Vergangenheit eine Erstmahnung des Schuldners durch den AKV zu über 33% zu einer sofortigen Zahlung geführt, so sind es seit der Pandemie nur mehr 26,6%, die ihre Schuld sofort begleichen. Es sind viel mehr Schritte (Folgemahnung, Ratenplanvereinbarung, SMS, telefonisch, vor Ortbesuch) notwendig geworden und auch die Rechtsanwaltsmahnungen durch unsere Verbandsanwälte haben stark zugenommen.

 

Ausblick auf die kommenden Monate

Alle bisher erwähnten Punkte sind ein klarer Hinweis, dass in naher Zukunft zahlreiche kleinere und größere Unternehmen und somit auch viele Arbeitnehmer in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten werden. Die weltweite Vorschau auf stagnierende oder zurückgehende Wirtschaftszahlen verunsichern viele Menschen, die in schwieriger werdenden Zeiten ihr Geld eher sparen werden. Der Corona-Virus wird uns noch längere Zeit begleiten und beschäftigen. Und doch muss man sich immer wieder vor Augen halten, wie gut Österreich bisher im Vergleich zu anderen Ländern die Situation gemeistert hat. Dies sollte uns bei all den schlechten Nachrichten auch weiterhin Zuversicht für die Zukunft geben, aber auch wachenden Auges auf unsere Finanzen blicken lassen.