Menschengerechte Digitalisierung?

 

WECKRUF. Machen Apps, die Gerichtsurteile vorbereiten oder selbstfahrende Autos im „freien Rechtsraum“ unsere Welt „besser“? Unterwerfen wir uns in Sachen IT den Gesetzen der Effizienz und der Machbarkeit oder beginnen wir über eine Ethik für die digitale Welt nachzudenken?

 

Sarah Spiekermann ist Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Wäre sie ihren frühen Erfolgsweg im Silicon Valley zielstrebig weiter gegangen, säße sie heute vermutlich in einem Vorstandssessel von Google, Amazon oder eines anderen IT-Riesen. Doch irgendwann, mitten in ihrer intensiven, technikbestimmten Arbeit im Hotspot der amerikanischen Zukunftsindustrie begann sie zunehmend darunter zu leiden, dass man sich dort gerne in die Tasche lügt. Als sie anfng, „Realität wahrzunehmen statt Zukunftsprognosen zu glauben“ (Kapitelüberschrift), war es nicht mehr weit zur Erkenntnis, dass Fortschritt durch Wertebewusstsein entsteht, und nicht durch eindimensionale Fixierung auf Absatzzahlen und Märkte: „Ich behaupte, dass wir eine neue Technologie- und Unternehmenskultur brauchen, die beim verantwortlichen Handeln jedes Einzelnen ansetzt.“ 

 

„Digitale Ethik“

Sarah Spiekermanns Buch „Digitale Ethik“ entwirft ein „Wertesystem für das 21. Jahrhundert“. Dass man sich in diesem Bemühen manchmal fühlt wie ein Bahnreisender, dem der Zug bereits lange schon abgefahren ist, schildert die Autorin am Beispiel einer Aufgabenstellung für ihre Studenten. Thema: Essenslieferung per Fahrrad. Dieser Start-up-Klassiker wird von den jungen Leuten „marktkonform“ bearbeitet. Sie versuchen, mit digitalen Hilfsmitteln noch die letzten Reserven an Proft herauszupressen, sie technisieren jede Ecke der Aufgabenstellung – von der Küche bis zur Lieferhaustüre. Im Grunde konstruieren sie das Arbeitsbild der Essenslieferung bereits seelenlos wie ein Algorithmus. Interessant zu lesen, welche Entwicklung Frau Professor Spiekermann im Denken ihrer Studenten erzielte, nachdem sie ihnen drei grundsätzlichen ethischen Fragen vorgelegt hatte.

 

Werte als „Bio“ des Internet

Das Buch liest sich deshalb so angenehm, weil Sarah Spiekermann viele Beispiele dafür gibt, dass sich der werteorientierte Weg für die Digitalwirtschaft nicht nur menschlich, sondern auch fnanziell lohnt. Sie verweist auf einen historischen Übergang im Verhalten vieler Firmen des Kapitalismus-Kernlandes USA. Eine aktuelle Gegenüberstellung von 13 Firmen, die „Freude und Erfüllung verbreiten und diese Welt zu einem besseren Platz machen“ mit elf klassischen Börsenlieblingen mit knallharter Effzienzstruktur bringt ein interessantes Ergebnis „Firmen mit Herz sind über einen Zehn-Jahres-Horizont dreimal so erfolgreich wie die klassischen Börselieblinge; über einen Fünf- Jahres-Horizont doppelt so gut. Warum schlagen also nicht gleich alle Firmen einen Weg der Werte ein?“

 

Ideologie der Lieblosigkeit 

Das Buch „Digitale Ethik“ macht klar, dass der Mainstream in Silicon Valley und anderen Gegenden der fortgeschrittenen Automatisierung in die absolut falsche Richtung führt: „Die Menschheit muss zumindest darauf vertrauen können, dass diejenigen, die Technologien vorantreiben, dies verantwortungsvoll, maßvoll und im Sinne der menschlichen Gemeinschaft tun. Das ist jedoch immer weniger der Fall. Stattdessen fällt auf, dass neue Technologien immer mehr genutzt werden, um Menschen zu ersetzen, statt sie zu stärken – sie in Abhängigkeiten zu treiben und ihre persönlichen Daten zu entfremden. Die Informatik hat ihr Bio noch nicht entdeckt.“

Im Sinne von Immanuel Kant fordert Sarah Spiekermann, dass sich jeder Einzelne an der digitalen Weiterentwicklung der Gesellschaft beteiligt, wo auch immer er/sie als Konsument/in oder Gestalter/in lebt: „Bei einem wertvollen Leben geht es nicht darum, wer recht hat, sondern vielmehr darum, zu erkennen, welche Werteprioritäten der eigenen Gemeinschaft in einem jeweiligen Lebenskontext gut tun…

Vielleicht würde ja das Hinterfragen von Werten Unternehmer und Manager zu der Frage führen, warum sie so oft die Werte Gewinn und Effzienz priorisieren.“