Nicht ohne mein Kind

Die Tennisspielerin Viktoria Asarenka (Wiktoryja Asaranka) ist weißrussische Staatsbürgerin. Sie lag ein Jahr in der Weltrangliste an erster Stelle. Im Dezember letzten Jahres hat sie einen Sohn zur Welt gebracht. Der Versuch, ihre Mutterrolle mit dem Nomadenleben eines Tennisprofis un­ter einen Hut zu bringen, ist vorerst gescheitert.

 

Schuld daran ist aber nicht der Tennissport – auch wenn ihr Fall nur über die Sportseiten globale Aufmerksamkeit bekommen hat –, son­dern vor allem ein Rechtsstreit um die Obsorge, den sie mit dem Vater ihres Kindes, einem Amerikaner, führt. Sie hat sich kürzlich von die­ sem getrennt.

 

Asarenka hat mehrere Wohnsitze, einen in Weißrussland und einen in Kalifornien. In der Folge erachteten sich zwei Gerichte für zustän­dig, über die Obsorgefrage zu entscheiden: Sowohl Minsk wie auch Los Angeles. Das Ge­richt in Minsk hat der Mutter die alleinige Ob­sorge zuerkannt. Das Gericht in Los Angeles anerkannte die Entscheidung des weißrussi­schen Gerichtes aber nicht und wird eine eige­ne treffen.

 

Bis die Obsorgeentscheidung getroffen ist, darf Asarenka den Bundesstaat Kalifornien aufgrund gerichtlicher Anordnung jedenfalls nicht ge­meinsam mit dem Kind verlassen. Die Super­sportlerin verzichtete daraufhin auf ihre Teil­nahme an den Tennis-US-Open, die zwar in den USA, aber in einem anderen Bundesstaat aus­ getragen wurden.

 

Asarenka ist unbedacht in eine Situation geraten, die für sie erhebliche persönliche Nach­teile bringt: emotional, rechtlich, wirtschaft­lich, sportlich.

 

In vergleichbare Situationen geraten Eltern im­mer öfter. Mehr und mehr werden Liebes­be­ziehungen über Staatsgrenzen hinweg geführt, werden Wohnsitze ins Ausland verlegt, leben Menschen zweier verschiedener Nationalitäten abwechselnd in einem dritten und vierten Staat zusammen. Und fast nie sind sich die Men­schen der Konsequenzen bewusst, damit plötz­lich den Gesetzen anderer Staaten unterworfen zu sein.

 

Durch internationale Abkommen wird ver­sucht, Rechtsklarheit und -sicherheit zu schaf­fen. Ein Beispiel dafür ist die Brüssel-IIa-Ver­ordnung für Fälle mit EU-Bezug. Sie bestimmt, dass für Entscheidungen über die elterliche Verantwortung die Gerichte jenes Staates zuständig sind, in dem das Kind bei Antragstellung seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Wird das Kind von einem Elternteil im Alleingang aus dem bisherigen Aufenthaltsstaat weggebracht, bleibt dennoch dessen internationale Zuständigkeit aufrecht. Das kann dann überdies sehr schmerzliche Folgen nach dem Haager Kindes­entführungsübereinkommen nach sich ziehen. Daraus folgt: Ehe ein Wohnsitz ins Ausland verlegt wird, ist eine entsprechende Rechtsbera­tung dringend anzuraten. Die Beratung soll eine Gegenüberstellung der gesetzlichen Grundlagen sowie der dazu ergangenen Judikatur beinhal­ten. Soweit möglich, könnten und sollten zwi­schen den Kindeseltern in guten Zeiten auch entsprechende schriftliche Vereinbarungen ge­troffen werden.