Recht via App - Befindet sich die Rechtsberatung im Wandel?

Univ.-Prof. Dr. Michael Enzinger

Die Digitalisierung ist in allen Lebensbereichen und damit auch in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft bzw. der Arbeitswelt am Vormarsch. Dass dieser Trend auch vor den freien Berufen nicht haltmacht, ist wenig verwunderlich, zumal diverse EU-Deregulierungsvorhaben in der Digitalisierung eine Chance auf Wachstumsförderung der Wirtschaft sehen. Es wird daher wenig überraschen, dass in der Rechtsbranche vermehrt Dienstleistungs-Angebote via App, Telefon & Co auf den Markt drängen, denn die Rechtsbranche wird mit Forderungen nach erhöhter Effizienz und Preisdruck durch Mandanten, Effizienz-Potential durch Technologie-Fortschritt sowie durch Effizienz- und Preisdruck durch neue Angebote (z.B. automatisierte Rechtsberatung durch Websites etc.) konfrontiert.

 

Studien zufolge stehen potentielle Klientinnen und Klienten solchen modernen Beratungsformen offen gegenüber. Wer wünscht sich nicht eine umfassende, kostengünstige, sofort verfügbare Rechtsberatung per „Maus-Click“? Doch wie sicher sind solche Rechtsauskünfte und wer haftet am Ende des Tages für eine falsche Auskunft? Kommt eine Zeit, in der das Notebook die anwaltliche Vertretung vor Gericht ersetzt?

 

Und die wohl viel wichtigere Frage: wo sehen wir Rechtanwältinnen und Rechtsanwälte uns in 20 Jahren? Gerade zu dieser Frage scheint es, als läge der Stand derzeit noch im „Dornröschenschlaf“. Dass die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien nicht mehr aus dem Anwaltsalltag wegzudenken ist, ist spätestens seit der Einführung von Tools wie dem Web ERV, der elektronischen Aktenführung bei ausgewählten Gerichten und der Zunahme an verfügbaren juristischen Recherche-Tools klar. Ob die anwaltliche Leistung tatsächlich durch digitale Trends ersetzt werden kann, ist allerdings fraglich, denn kritische Stimmen sehen nur bei sehr eingeschränkten Bereichen der juristischen Arbeit eine Chance für Automatisierbarkeit. Online-Portale stellen jedenfalls eine gewisse Orientierungshilfe dar, solange der Nutzer auch hinterfragt, wer hinter einer solchen Plattform steht. Das gilt auch für Rechtsanwälte, die ihre Dienste über solche Plattformen anbieten wollen. Ein Blick ins Impressum empfiehlt sich vor einer Mitgliedschaft auf einer Vermittlungsplattform jedenfalls. Denn die rasante technische Entwicklung bietet noch viel Aufholbedarf, um eine Online-Media-Literacy sowohl bei Rechtsanwälten als auch bei Mandanten zu schaffen.

 

Die Entwicklungen geben jedenfalls Anlass, dass der Stand sich mit diesen Themen intensiv zu beschäftigen beginnt. Dass der Legal-Tech-Fortschritt viele gute Chancen und Arbeitserleichte-rungen bietet, ist unumstritten. Dass aber auch die Risiken im Auge behalten werden müssen, ist ebenfalls evident, denn die Digitalisierung der Rechtsbranche wird jedenfalls noch viele Rechtsfragen aufwerfen. Klar ist, dass die Einführung digitaler Rechtsdienstleistungen nur unter frühzeitiger Einbindung der österreichischen Rechtsanwaltschaft stattfinden sollte. Ferner sollte man auch die Tatsache berücksichtigen, dass Technik und Digitalisierung nur eine Teilmenge der rechtsanwaltlichen Tätigkeit sein sollte und nicht umgekehrt. Denn der Technik-Euphorie dürfen jedenfalls nicht die Core Values des Rechtsanwaltsstandes, wie die Verschwiegenheitsverpflichtung oder die Freiheit von Interessenskollisionen geopfert werden.

 

Spätestens wenn rechtliche Fragen nicht online geklärt werden können, die rechtliche Vertretung nach außen oder bei Gericht gesetzlich notwendig ist oder der Klient mit seinem Anwalt einfach nur ein vertrauliches Wort wechseln will, wird der persönliche Kontakt unumgänglich werden. Denn Rechtsberatung, in deren Zentrum die Vertraulichkeit mit dem Mandanten auch in Zukunft stehen muss, muss auch im Zeitalter der Informationstechnologie und Digitalisierung ein „People Business“ bleiben, das allerdings von Informations- und Kommunikationstechnologie unterstützt werden kann.