Neue CDs: Russenfestspiele

 

 

 

 

 

Peter Cossé

Trifonov mit Chopin am Klavier, Mravinsky am Pult der Leningrader Philharmoniker

 

Chopin Evocations

Daniil Trifonov beschwört Geister und geht auf Spurensuche

 

Der russische Klavierüberflieger begeistert und irritiert hier nicht nur mit den beiden Chopin-Klavierkonzerten, nämlich sehr gedehnt vorge­tragen in den melodischen Abschnitten, aber in Turbo-Qualität in den pointiert technischen Partien sozusagen auf der Überholspur. Mikhail Pletnev – sein konzertresistenter Klavierkollege – hat Chopins Orchesterpart unauffällig verbes­sert, immerhin ergibt das Tantiemen. Unfassbar geschmeidig und in denvirtosen Partien unein­holbar brillant durchkämmt und zugleich sor­tiert Trifonov die Mozart-Variationen über „Reich mir die Hand mein Leben“ in der vom peinlich pompösen Orchester verschonten Solo-Version (op. 2). Was diese ausführliche Zusammenstel­lung jedoch zu einem Ereignis macht, ist der auf Chopin bezogene Rundumblick mit einem „Chopin“-Auszug aus Schumanns „Carnaval“, mit Kleinigkeiten von Grieg, Tschaikowsky und Barber. Vor allem die raffinierten Chopin-Variationen des spanischen Komponisten Frederic Mompou, die meines Erachtens bisher niemand beachtet hat, beweisen Trifonovs Kunst des Schattierens und des tastenden Sprechens, Sin­gens und Verheimlichen. Chopins flottes Rondo für zwei Klaviere op. 73 kredenzt Trifonov zusammen mit seinem Lehrer Sergei Babayan. Ein seltenes Beispiel, dass sich Lehrer durchaus auf konzertanter Höhe fit halten können.

Chopin Evocations – Werke von Chopin, Schumann, Grieg, Barber und Mompou; Mahler Chamber Orchestra, Mikhail Pletnev; DG 479 7518 (2 CDs)

 

Klangvegetarische Zielstrebigkeit

Yevgeny Mravinsky und „seine“ Leningrader 1947 – 1961

 

Man sollte es wissen: Yevgeny Alexandrowitsch Mravinsky wurde als Sprössling eines adeligen Rechtsanwalt nach dem julianisch-russischem Kalender am 22. Mai, nach dem gregorianisch-westlichen Kalender am 4. Juni 1903 geboren. Gleichwohl: es war ein Glücksfall für das sowjeti­sche Musikleben, denn weltweit betrachtet gibt es keinen Dirigenten, der so lange und auf uner­schütterlich höchstem Niveau für ein Orchester verantwortlich war. Seine Klangästhetik zielte auf Schlankheit, auf Entfettung bis hin zur Ungebärdigkeit im Verhältnis etwa zu den Tschaikowsky-Vorstellungen eines Karajans.

 

Ausschnitte aus „Dornröschen“, Symphonien von Tschaikowsky (Nr. 4 und 5), Bruckner (Nr. 8) und Schostakowitsch (Nr. 8) erklingen hier ext­rem prägnant, ja in geradezu „natürlicher“ Mo­noqualität und versetzen den Hörer in jene Zei­ten als Musik in der Leningrader Philharmonie eine Gratwanderung zwischen Repertoireanpas­sung (Kalinnikov!), literarischer Provokation und Reisesprungbrett in den Westen war. Kaum je sind Wagners Walküren so stramm über den „Ring“-Parcour geritten. Und Webers „Aufforde­rung zum Tanz“ (in der selten zu hörenden Orchestration von Felix Weingartner!) wirkt wie eine Ballveranstaltung von philharmonischen Vegetariern. Webers „Freischütz“-Ouvertüre sind gar vegane Züge eigen. Der russische Pianist Sviatoslav Richter verriet mir einmal, als er im steiermärkischen Deutschlandsberg konzertierte, Mravinsky sei für ihn der faszinierendste Unan­genehme gewesen. Deshalb sei ihm die Aufnahme des b-Moll-Konzerts von Tschaikowsky unter seiner Leitung viel wichtiger als jene extrem in die Breite manövrierte mit Karajan …

Yevgeny Mravinsky-Edition Vol. III – Bach, Bruckner, Kalinnikov, Schostakowitsch, Skrjabin, Tschaikowsky, Wagner, Weber; Hänssler PH 17019 (6 CDs)