Urlaubs-Hörprogramm

PETER COSSÉ

ist gebürtiger Leipziger. Studium der Philosophie und Soziologie in Frankfurt und Salzburg. Musikkritiker u.a. für „Klassik heute“, „Fono Forum“, „Neue Musikzeitung“, „Opernwelt“, „Österreichische Musikzeitschrift“,„Neue Zürcher Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Tagesspiegel Berlin“, „Standard“ etc. Seminartätigkeit an mehreren Hochschulen.

 

 

Gut‘ Ding hat zuweilen Alter „The Mono Era 1948 – 1957“ auf 51 Deutsche Grammophon-CDs

Im Rahmen der „Deutschen Musikmesse“ 1951 in Düsseldorf hatte die Deutsche Grammophon das Vergnügen, als „erste Firma in Deutschland hergestellte Langspielplatten mit 33 1/3 Umdrehungen der Öffentlichkeit“ übergeben zu dürfen. An verbesserter Tonqualität und den entsprechenden Abspielgeräten war schon länger gearbeitet worden, aber die Spieldauer der kleinen 17 cm-Scheiben war pro Seite auf kaum mehr als vier Minuten beschränkt.

Nun hat das namhafte, den Klassikfreunden älteren Semesters schier heilige Unternehmen eine in jeder Hinsicht schwerwiegende Box mit Aufnahmen aus jener Zeit herausgebracht, die zeitlich und technisch bis an die Schwelle der bis heute aktuellen Stereophonie reicht. Mit zahl­reichen Einspielungen namhafter, aber auch jüngeren Hörern kaum bekannter Künstler, zudem nicht selten in einer klangtechnischen Qualität – sprich: Natürlichkeit! –, die von etlichen Produktionen selbst jüngsten Datum nicht erreicht wird. Auf dem halben Hundert ins CD-Format gezwängten Vinyl-Fossilien geben sich Pianisten wie Wilhelm Kempff, Shura Cherkassky, Clara Haskil und Sviatoslav Richter gleichsam die Hand. Es ist erlaubt, so bedeutende Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau, Maria Stader und Rita Streich in ihrem künstlerischen Frühling zu belauschen. Der Geiger Wolfgang Schneiderhan ist mit dem Beethoven-Konzert gleich zweimal zu erleben. Zu den Dirigenten dieser frühen Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit zählen Karl Böhm, Eugen Jochum, Wilhelm Furtwängler und Igor Markevich – und selbstverständlich ist auch das Amadeus Quartett dabei. Das Repertoire umfasst alle Gattungen der instrumentalen und vokalen Klassik, wobei auch populäre Nebengleise etwa mit dem Don Kosaken-Chor oder auch mit Rudi Schuricke an­gesteuert werden – dem göttlich winselnden „Troubadour der Liebe“. (DG 479 5516)

 

„Höör Barock“ – ein Erlebnis, kein Druckfehler!

Georg Philipp Telemanns im Unterschied zum Händel-Pendant weniger vertraute „Wassermusik“-Suite erklingt und sprudelt hier sozusagen als „Gespritzte“. Neben dem Magdeburger Viel- und Langzeitschreiber (1681 – 1767) sind auf der Cover-Vorderseite die Kollegen Bach und Corelli ausgedruckt. Und darüber ist zu lesen: „Höör Barock“. Eine Aufforderung ohne Ausrufezeichen? Ein Druckfehler? Nein, das Dörfchen Höör versteckt sich im südlichsten Schweden und ist seit 2012 mit dem landeseigenen Wort für „hören“ als ein hervorragendes Kammerorchester unterwegs. Unter der Leitung des Blockflötisten Dan Laurin spielt es auf Instrumenten der Barockzeit mit Verve und auch mit einer Präzision, die sich keineswegs in mechanischer Pünktlichkeit erschöpft. Mit von der packenden Partie sind die Blockflötistin Emelie Roos und die Cembalistin Anna Paradiso, die in der Bach-Abteilung dem brillanten Bläserduo extrem schnelle Passagen unterjubelt.

 

Telemann:

Wassermusik-Suite TWV 55:C3, Concerto C-Dur

TWV 54:B2; Corelli: Concerto IV D-Dur op. 6,4,

Concerto VIII g-Moll op. 6,8 „Weihnachtskonzert“;

Bach: Concerto F-Dur BWV 1057; BIS-2235 SACD

 

Be(s)tätigungen und Ausgrabungen

Dem 42-jährigen italienischen Pianisten und Musikwissenschaftler Roberto Prosseda ist eine musikalisch verantwortungsvolle, also technisch souveräne und im Ausdruck fast durchwegs spannende Gesamtaufnahme der Solo-Klavierwerke und einiger Stücke für Klavierduo* zu danken. Seine Einspielungen der „Lieder ohne Worte“, der „offiziellen“ Sonaten, Fantasien, Capriccios und Etüden ist meiner Ansicht nach vor allem den umfangreicheren Mendelssohn-Edition überlegen (etwa Marie-Catherine Girod – Saphir 001089). Prosseda hat sich aber auch als Noten-Archäologe in der musikwissenschaft­lichen Unterwelt Berlins umgesehen. Dabei hat er eine erstaunliche Menge an ungedruckten Klavierstücken gefunden. Bekannt ist ja längst, dass Mendelssohn als Komponist ein Kinder-und Jugendgenie war. Prosseda bringt hier neue Bestätigungen, so etwa vier dreisätzige Sonaten aus dem Jahr 1820. Mendelssohn war gerade 11 Jahre alt und musste womöglich mitten in der Invention eines Satzes ins Bett …

Es handelt sich bei dieser sorgfältig kommentierten Edition um die Gewähr für lehrreiche, aber auch berührende Stunden staunenden Lauschens. Der Interpret als Ausgräber – hier erweist er sich zusätzlich als Meister der Wiederbelebung!

 

Mendelssohn:

Das Gesamtwerk für Klavier; Roberto Prosseda und Alessandra Ammara* (Klavier); Decca 481 5297 (10 CD)