Westminster-Archäologie, Cello-Himmel & Erlkönig

The Paul Badura-Skoda Edition – Deutsche Grammophon 479 8065 (20 CD)

Paul Badura-Skoda – Frühe Dokumente zum 90. Geburtstag

 

Es sollte einer Überraschung der Deutschen Grammophon sein, aber der unbestreitbar aktive Klavier-Jubilar hatte von dem Unternehmen gewusst. Denn im umfangreichen Begleitheft bewährt er sich – wie stets auch mündlich – nach allen Regeln des künstlerischen Selbstbewusstseins unter Beachtung immerwährender Eitelkeit. Für den Klavierfreund und für alle Hörer, die an den Nachkriegsentfaltungen des Wiener Musiklebens interessiert sind, ist diese mit 20 CDs bepackte Box eine Fundgrube. Denn nur die Älteren unter uns werden noch Westminster-Langspielplatten in ihren Regalen haben.

 

Die Jüngeren werden sicher überrascht sein, mit welcher Energie Badura-Skoda in den 50er-Jahren, als seine Karriere gleichsam über die österreichischen Grenzen hinaus erblühte, sich nicht nur den Klavierkonzerten Beethovens und Mozart erkenntlich zeigte, sondern auch Konzerte von Rimsky-Korssakoff, Tschaikowsky und Chopin mit verschiedenen Wiener und auch einem Londoner Orchester ins Kalkül zog.

 

Die fünf Beethoven-Konzerte spielte er mit Verve, intelligent zielstrebig, in vielen Details mit jenem Makel, den man vergötternd immer wieder mit wienerischer Schlampigkeit verziehen hat. Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper – der damaligen Billig-Ausgabe der „Philharmoniker“ – werkte Hermann Scherchen. Zu seinen Schülern zählte u.a. Luigi Nono. Canetti bezeichnet ihn in seinem „Augenspiel“ leise unfreundlich als „Schwierigen“.

 

Die Box enthält eine Fülle von Standardwerken von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann und Chopin, dazu viele kleinere Stücke unter der Überschrift „Zugaben“. Badura-Skodas Hingabe an die Kammermusik ist mit Klaviertrio-Aufnahmen zusammen mit Jean Fournier und Antonio Janigro bestätigt (Haydn, Beethoven, Schubert), auch Schuberts „Forellenquintett“ sprudelt tierlieb vorüber. Die einzige originale DG-Aufnahme beschließt den Geburtstagssegen mit Schubert-Interpretation Seite an Seite mit Jörg Demus. Die beiden, die so viel zusammen in die Tasten griffen, zerstritten sich später und kamen erst in Paris wieder zusammen auf ein Podium, als Badura-Skoda seinen 80. feierte. Skoda bedeutet – nebenbei bemerkt – so viel wie „Schaden“. Auch für einen PKW ein gefährlicher Name …

 


Bach: Suiten für Cello solo BWV 1007 – 1012,

Cage: Ausschnitte aus One 8“; Julius Berger (Cello); Solo Musica / Sony Music SM 270 (3 CD)

Cello-Behaglichkeit und Gottergebenheit à la John Cage

 

Der Cellist Julius Berger zeigt sich im Verlauf der sechs Suiten für Cello solo von Johann Sebastian Bach für einen runden, kerngesunden, tenden­ziell voluminösen Ton verantwortlich. Manche der tänzerischen Sätze werden von Kollegen „sprechender“, das heißt: körperlich aktiver intoniert, aber ich bin Berger gerne lauschend auf der Spur geblieben. Vor allem, weil er die schöne Idee hatte, jede der drei CDs mit einem Ausschnitt aus John Cages „One 8“ für Cello solo aus dem Jahr 1991 einzuleiten. Cage nimmt Bezug etwa auf Martin Luthers „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, wobei dem Cello eine hohe Stimme zugeteilt ist. In diesem Fall – wen wundert es – haucht und dabei textverständlich sein Sohn Immanuel Jun den Text. Und dies in reformatorischer Aktualität des zu Ende gehenden Jahres 2017 … „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“ fungieren als Introduktion für die CDs zwei und drei. Somit darf man dieser Veröffentlichung auch Weihnachtliches Flair zusprechen.


In Erlkönigs Reich – Balladen von Schubert und Loewe;

 

David Jerusalem (Bassbariton) und Eric Schneider (Klavier); Hänssler HC 1712

In Erlkönigs Reich

 

Es mangelt seit Jahren an befriedigenden Lied-Aufnahmen. Hier ist nun eine mit dem deutschen David Jerusalem, die ich empfehlen darf.

Dem schlank und textlich klug, weil ohne Übertreibung betonenden Bassbariton liegen nicht nur die Balladen Schuberts von „Erlkönig“ bis zum „König von Thule“ am vokalen Herzen, sondern auch die oft belächelten, aber wunderschönen Balladen von Carl Loewe. Auch da ein Goethe-„Erlkönig“! Aber auch die glockenklingelnde „Tom der Reimer“-Sentimentalität und die stramme „Archibald Douglas“ Geschichte beweisen Loewes melodischen und dramatur­gischen Instinkt.