ZUVERSICHT. Exakt an ihrem 25. Geburtstag treffen wir in der Kanzlei TWS in St. Pölten die Konzipientin Gizem Candan. Obwohl sie technisch bedrohliche Entwicklungen für den Berufsstand sieht, glaubt sie an die Zukunft einer soliden Rechtsberatung. Wenn alles gut läuft, wird sie in zweieinhalb Jahren Anwältin sein.
Mag. Gizem Candan Interview: Dietmar Dworschak
Anwalt Aktuell: Im Jahr 2026 herrscht Mangel an Konzipientinnen und Konzipienten. Konnten Sie sich Ihre Kanzlei, wo Sie jetzt sind, aussuchen. Was waren Ihre Auswahlkriterien?
Gizem Candan: Ich hatte das Glück, dass ich mir die Kanzlei aussuchen durfte. Ich habe nach dem ersten Studienjahr im Sommer hier mein erstes Praktikum gemacht. Das hat mir so gut gefallen, dass ich mich nach dem Studium hier beworben habe. Es war nichts ausgeschrieben, aber zu meinem Glück hat es dann sofort funktioniert und ich habe mich so wohl gefühlt wie davor, auch schon im ersten Praktikum.
Anwalt Aktuell: Haben Sie während des Studiums auch über andere Rechtsberufe nachgedacht?
Gizem Candan: Grundsätzlich ja. Ich hatte nur, ehrlich gesagt, keinen Einblick. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie der Alltag eines Notars aussieht. Die Staatsanwaltschaft habe ich immer sehr interessant wahrgenommen, aber auch da hat man nicht unbedingt einen Einblick während des Studiums. Während der Gerichtspraxis hat es mir zwar gut gefallen, aber der Weg dorthin ist dann doch schwieriger und dann stellt sich die Frage, bekomme ich überhaupt die Plan stelle, die ich haben möchte? Bin ich örtlich dort, wo ich sein möchte oder vielleicht im Burgenland?
Anwalt Aktuell: Gibt es unter RechtsanwaltsanwärterInnen Diskussionen über die doch sehr lange Ausbildungszeit?
Gizem Candan: Also unter KonzipientInnen hätte ich diese Diskussion nicht direkt vernommen. Ich weiß nur, ehrlich gesagt, nicht, ob es eine bessere Alternative gibt. Wenn ich jetzt daran denke, dass ich schon sehr bald eintragungsfähig wäre, wäre mir das persönlich zu früh, weil der Job ja sehr verantwortungsvoll ist und ich das Gefühl habe, man kann nie auslernen. Es gibt jede Woche etwas Neues, von dem man nichts gewusst hat. Ich persönlich würde fast denken, dass die fünf Jahre in Ordnung sind.
Anwalt Aktuell: Ein wesentlicher Teil der Arbeit von KonzipientInnen war früher die Recherche. Mithilfe von KI und modernen Suchprogrammen kann man das heutzutage in einem Bruchteil der Zeit erledigen. Und was tut man dann?
Gizem Candan: Man muss jedes Ergebnis überprüfen. Manchmal kommt es vor, dass man nur das Wissen auffrischen möchte und sich nochmal vergewissern möchte, ob die Erinnerung
richtig ist. Wenn das Ergebnis dann passt, dann wird sich die Überprüfung in zeitlichen Grenzen halten. Leider kommt es zumindest bei mir vor, dass das Ergebnis oft gar nicht passt oder die
Quelle unrichtig wiedergegeben wird. Man erspart sich grundsätzlich nicht sehr viel Zeit.
Anwalt Aktuell: Wenn man die Liste der Berufe anschaut, die am leichtesten durch KI ersetzt werden können, stößt man immer wieder auf die Anwältin, den Anwalt. Machen Sie sich Sorgen, zumindest für nachfolgende Jahrgänge?
Gizem Candan: Ja, Sorgen mache ich mir grundsätzlich schon, weil die KI ja wirklich sehr, sehr viel mittlerweile kann und es nicht selten vorkommt, dass Mandanten sagen, das habe ich eh schon mit der KI recherchiert, das Ergebnis war folgendermaßen ...Was sagen Sie dazu? Ich denke, man muss mit der Zeit gehen, aber dass Anwälte und Anwältinnen ersetzt werden, glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Es gibt so viele Bereiche, die von einer menschlichen Person wahrgenommen und bearbeitet werden müssen. Etwa Besuche in der Justizanstalt, Verhandlungen mit Anwaltspflicht natürlich, Befundaufnahmen, und ich habe auch das Gefühl, dass der persönliche Austausch sehr geschätzt wird. Ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist, finde ich, auch das Vertrauensverhältnis. Dieses kann von einer KI nicht vollständig ersetzt werden. Da müsste man auch die Zivilprozessordnung, die Strafprozessordnung ändern. Also ich mache mir schon Sorgen, aber denke, dass es nicht möglich sein wird, den Anwaltsstand zu ersetzen.
Anwalt Aktuell: Möchten Sie mal Ihre eigene Kanzlei haben oder soll es eine Partnerschaft werden?
Gizem Candan: Ich persönlich schätze den Austausch mit Kollegen sehr. Es hilft total, einen anderen Blickwinkel zu haben, weil man oft in seinen eigenen Gedanken versteift ist oder sich auf nicht nur wesentliche Dinge konzentriert. Daher kann ich mir grundsätzlich eher eine Partnerschaft vorstellen. Allein in einer Kanzlei wäre ich ungern.
Anwalt Aktuell: Jetzt eine Frage an Sie als Frau. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, tatsächlich Anwältin zu werden und vor allem zu bleiben? Ich frage das, weil zwar über 50 Prozent der Studenten der Rechtswissenschaften weiblich sind, aber nicht einmal ein Viertel in der Anwaltschaft …
Gizem Candan: Ich persönlich bin zuversichtlich, vorausgesetzt, ich werde die Prüfung schaffen und alles läuft nach Plan. Ich schätze die Chancen gut ein, weil ich denke, dass der Job sehr viele positive Aspekte hat, die man gut für sich nutzen kann. Der Job macht wirklich Spaß.
Frau Mag. Candan, danke für das Gespräch.
