DSCHUNGELBUCH. Nach Jahrzehnten geordneter Langeweile befinden wir uns spätestens seit Trump 1 wieder auf Abenteuerfahrt. Lästige Konventionen wie Rechtssysteme oder internationale Verträge weichen dem neuen, alten Faustkeil, Diplomatie wird ins Museum verräumt, die Raubtiere im Silicon Valley lesen Machiavelli.

Dass die im Grunde schamlosen und verbrecherischen Tricks, die Machiavelli den Fürsten seiner Zeit empfahl, nach einer Phase zumindest rhetorisch beschworener Menschlichkeit wieder auf die Agenda der Politik/er zurückkehren, ist ein deutliches Warnsignal. Der Wissenschaftler und Essayist Giuliano da Empoli sichert auf 120 Seiten Spuren des neuen Wildlebens: „Die Stunde der Raubtiere – Macht und Gewalt der neuen Fürsten“. In zwölf teilweise sehr kurzen Skizzen führt er in Vorzimmer und Gemächer der heutigen Macht. Jede der Begegnungen mit der aktuellen, meist globalen Herrscherkaste liefert einen markanten Erkenntniswert in Sachen politischer und wirtschaftlicher Realität. Das Raubtier ist wieder auf freiem Fuß, Humanismus ist der neue Humus, bestenfalls für die Gartenpflege.

 

Herrschafts-Rituale

Dass wir in einer neuen Zeit gelandet sind wissen wir spätestens nach den Angriffen von Putin auf die Ukraine und Trump auf den Iran. Diese beiden „echten Männer“ stehen für Systeme, in denen Legitimität nichts mehr gilt und die auf demokratische und gesetzliche Grundlagen pfeifen. Die kriegerische und gesetzlose Stimmung herrscht auch überall dort, wo die Digitalen das Sagen haben. Peter Thiel und Elon Musk stehen beispielhaft für die Demontage des Staates und die Einführung der unbedingten Freiheit für alles, was Wirtschaft heißt. 

Die Freiheit, sich zu nehmen, was man gerade haben möchte, verfolgt Giuliano da Empoli tief in der Vergangenheit. Er zieht beispielhaft eine spannende Parallele zwischen der spanischen Eroberung des Aztekenreiches und dem zeitaktuellen Besuch eines Tech-Tycoons bei einem Politiker: „Der Oligarch steigt aus seinem Privatjet, einigermaßen miss gelaunt darüber, dass man ihn zwingt, seine Zeit mit einem obsoleten Stammesführer vergeuden zu müssen, statt sie nutzbringender zur Verfolgung irgendwelcher posthumaner Zwecke einzusetzen.“ Historische Rückblende: Montezuma lässt den spanischen Aggressoren Geschenke überreichen und hofft, sie damit zu besänftigen. Der Politiker unserer Tage gewährt dem Tech-Milliardär ein gemeinsames Selfie, um zu zeigen, „wie konstruktiv man nach Lösungen sucht.“ Trotz der schönen Rituale zahlen am Ende beide drauf: Montezuma und der Politiker. Denn die Spanier lassen ihre Waffen trotz der Geschenke krachen, und der Mann aus Silicon Valley denkt ja gar nicht dran, seine Algorithmen zu ändern.

 

Die Borgias sind überall

Giuliano da Empoli ist ein Meister des Aufspürens Machiavelli'scher Spuren und ein begnadeter Porträtist des neuen Bösen. Er führt die Leser über die Flure der UNO in New York, um sie jenen Charakteren näher zu bringen, die in der Weltpolitik die Fäden ziehen. Er beschreibt, wie der saudische Kronprinz im Rahmen eines vermeintlichen orientalischen Festes in glanzvollem Rahmen 300 seiner Gegner abservieren lässt – tot oder lebendig. Er erinnert an die digitalen Kriegszüge von „Cambridge Analytics“ bei einschlägigen Wahlkämpfen und zur Vorbereitung des Brexit. Er nimmt uns mit zur Präsentation der Augmented-Reality-Brillen und gewährt uns damit einen Ausblick in die „neue Realität“. Und schließlich folgt man dem rastlosen Beobachter da Empoli auch noch in das 14.000-Seelen-Dorf Lieusaint nahe Paris. Der Bürgermeister und seine Bevölkerung erleben, wie ihnen Auto-Navigation ohne Vorwarnung bzw. ordnende Planung einen massiven Umgehungsverkehr in ihre gewohnte Idylle schickt. Wie dieses Thema ausgeht, mag sich jeder ausmalen, der einmal versucht hat, bei A 1 oder Google mit einem substantiell Verantwortlichen (und sei’s nur telefonisch) ins Gespräch zu kommen. Man er kennt: Die neuen Borgianer morden, wie’s gerade gefällt, die Tech-Fürsten pfeifen auf ihre User und die Welt wird Schritt um Schritt und mit zunehmender Schamlosigkeit zu einer neuen freien Wild bahn. Giuliano da Empoli nennt des „Die Stunde der Raubtiere“. Es ist keine Stunde, es ist eine Ära, die da begonnen hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

Giuliano da Empoli

Die Stunde der Raubtiere

ISBN 978-3-406-83821-7

Verlag C.H. Beck